Veröffentlicht am April 12, 2024

Hohe ISO-Werte ruinieren deine Bilder nicht – der unkontrollierte Umgang damit schon. Der Schlüssel liegt nicht in der Vermeidung von Rauschen, sondern in dessen intelligenter Beherrschung.

  • Moderne KI-Software rettet Details weitaus besser als klassische Methoden.
  • Die Kombination aus lichtstarken Objektiven und einer gemeisterten Auto-ISO-Konfiguration ist deine stärkste Waffe.
  • Bewusste Kompromisse zwischen Verschlusszeit und ISO entscheiden über scharfe Action oder stimmungsvolle Bewegungsunschärfe.

Empfehlung: Konzentriere dich darauf, das verfügbare Licht, deine Kameraeinstellungen und die Nachbearbeitung als Gesamtsystem zu sehen. Meistere die Kompromisse, anstatt das Rauschen zu fürchten.

Du stehst im Fotograben. Die Band liefert die Show deines Lebens, das Licht ist dramatisch, die Energie greifbar. Du hebst die Kamera, fokussierst und siehst die Werte auf dem Display: Verschlusszeit 1/250s, Blende f/2.8, und die ISO klettert unaufhaltsam Richtung 6400. Ein kalter Schauer läuft dir über den Rücken. Die Angst vor dem digitalen Korn, dem gefürchteten Bildrauschen, das aus einem potenziellen Meisterwerk eine matschige Enttäuschung machen kann. Jeder Fotograf, der sich in die Dunkelheit von Konzerten, Events oder Reportagen wagt, kennt dieses Gefühl. Die Standardratschläge klingen im Ohr: „Nutze die niedrigste ISO!“ oder „Kauf dir einfach eine bessere Kamera.“ Doch das hilft dir in diesem Moment nicht.

Die Wahrheit ist, dass hohe ISO-Werte für uns Low-Light-Fotografen keine Option, sondern eine Notwendigkeit sind. Was wäre, wenn die eigentliche Frage nicht lautet, ob du ISO 6400 nutzt, sondern wie du es kontrollierst? Was, wenn Rauschen nicht dein Feind ist, sondern nur eine Variable in einer komplexen Gleichung aus Licht, Bewegung und Atmosphäre? Es geht nicht um Rausch-Vermeidung, sondern um intelligentes Rausch-Management. Die wahre Kunst besteht darin, die technischen Grenzen zu kennen und bewusst zu überschreiten, ohne die Kontrolle zu verlieren. Es ist ein Tanz zwischen den Einstellungen, ein kalkuliertes Risiko, bei dem das Verständnis für die Technik über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Dieser Artikel ist kein weiterer Aufguss generischer Tipps. Er ist ein Leitfaden aus der Praxis für die Praxis. Wir werden nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern tief in die Materie eintauchen. Wir analysieren, wann ein Blitz die Stimmung rettet und wann er sie zerstört, wie du Auto-ISO zu deinem besten Freund machst und warum der Unterschied zwischen einer f/2.8 und einer f/1.2 Blende über „brauchbar“ oder „Meisterwerk“ entscheiden kann. Wir werden die Kompromisse sezieren, die du eingehen musst, und dir die Werkzeuge an die Hand geben, um aus jeder Low-Light-Situation das Maximum herauszuholen.

Um diese Herausforderung zu meistern, werden wir die entscheidenden Techniken und Konzepte Schritt für Schritt durchgehen. Dieser Leitfaden bietet eine klare Struktur, die dir hilft, von den Grundlagen der Lichtphysik bis hin zu fortgeschrittenen Software-Lösungen alles zu verstehen.

KI-Denoise oder klassische Luminanzglättung: Was rettet Details besser?

Fangen wir am Ende der Kette an: in der Nachbearbeitung. Jahrelang war das Entrauschen ein fauler Kompromiss. Die klassischen Regler für Luminanz- und Farbglättung in Programmen wie Lightroom haben das Rauschen zwar reduziert, aber oft auf Kosten der Details. Feine Texturen in Haut oder Stoffen wurden zu weichen, unnatürlichen Flächen – das Bild war zwar „sauber“, aber auch leblos. Dieser Kompromiss ist der Grund, warum viele Fotografen hohe ISO-Werte so sehr fürchten. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Moderne, auf künstlicher Intelligenz basierende Entrauschungs-Algorithmen haben die Spielregeln verändert. Programme wie DxO PureRAW oder die neueren KI-Funktionen in Adobe Camera Raw analysieren das Bild und unterscheiden intelligent zwischen Rauschen und echten Details. Das Ergebnis ist eine Detailrettung auf einem Niveau, das vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Statt alles weichzuzeichnen, rekonstruieren sie Kanten und Texturen. Ein Test von fotoMAGAZIN zeigt, dass selbst bei extremen Werten wie ISO 16.000 eine moderne Software wie DeepPRIME XD2 deutlich bessere Ergebnisse liefert als herkömmliche Methoden und die Bildqualität um mehrere ISO-Stufen verbessert.

Vergleich zwischen KI-Denoise und klassischer Luminanzglättung mit Ebenenmasken

Der Unterschied ist nicht subtil, er ist dramatisch. Wo früher nur noch digitaler Matsch war, sind jetzt wieder feine Haarsträhnen oder die Struktur eines Gitarrenkorpus erkennbar. Das bedeutet für uns in der Praxis: Die Obergrenze für eine „brauchbare“ ISO-Einstellung verschiebt sich massiv nach oben. ISO 6400 verliert seinen Schrecken, und selbst ISO 12.800 oder 25.600 werden zu einer realistischen Option, wenn die Situation es erfordert. Die KI wird so zu unserer letzten Verteidigungslinie, die es uns erlaubt, in der Aufnahmesituation mutigere Entscheidungen zu treffen.

Wie positioniert man das Model zum Neonlicht, um Atmosphäre statt Dunkelheit zu erzeugen?

Neonlicht ist eine fantastische Lichtquelle für stimmungsvolle Porträts, aber es ist auch tückisch. Es ist oft nicht sehr hell und kann harte Schatten oder unvorteilhafte Farbstiche erzeugen. Der Schlüssel liegt darin, das Neonlicht nicht als simple Beleuchtung, sondern als aktives Gestaltungselement zu sehen. Anstatt das Model frontal damit auszuleuchten, was oft zu flachen Bildern führt, experimentiere mit der Positionierung. Die Magie entsteht, wenn du das Licht lenkst und formst.

Eine der effektivsten Techniken ist die Nutzung als Kanten- oder Haarlicht. Positioniere das Model so, dass sich das Neonschild hinter ihm oder seitlich versetzt befindet. Das Licht zeichnet dann eine leuchtende Kontur um die Silhouette und hebt das Model vom dunklen Hintergrund ab. Dies erzeugt eine enorme Tiefe und eine geheimnisvolle, filmische Atmosphäre. Eine zweite, weichere Lichtquelle von vorne (zum Beispiel das Licht eines Schaufensters oder sogar das Display eines Smartphones) kann dann die Schatten im Gesicht dezent aufhellen, ohne die Neon-Stimmung zu zerstören.

Spiele auch mit Reflexionen. Eine nasse Strasse, eine Fensterscheibe oder sogar die Pupillen des Models können das Neonlicht spiegeln und dem Bild eine weitere Ebene hinzufügen. Wichtig ist, die Belichtung manuell zu steuern. Die Kameraautomatik ist bei solchen Kontrasten oft überfordert und würde versuchen, die Szene zu neutralisieren. Belichte auf die hellen Bereiche des Gesichts und lass die Schatten ruhig tiefschwarz bleiben. Das ist es, was die Atmosphäre ausmacht.

Es vermittelt diese Nostalgie, weil viele Neonlichtschilder aus den 1960er oder 1970er Jahren stammen.

– Jesse McMinn, Adobe Creative Cloud Photography Guide

Diese nostalgische, oft melancholische Stimmung ist ein einzigartiges Merkmal von Neonlicht. Indem du das Model bewusst positionierst und das Licht nicht nur zur Aufhellung, sondern zur Formgebung nutzt, verwandelst du eine dunkle Umgebung in eine atmosphärische Bühne.

Wann zerstört ein Blitz die Stimmung und wann ist er unverzichtbar?

Der Blitz – für viele Low-Light-Fotografen ist er der ultimative Stimmungskiller. Ein frontaler Blitz zerstört das vorhandene Umgebungslicht, erzeugt harte Schatten, rote Augen und eine Atmosphäre, die an ein polizeiliches Tatortfoto erinnert. Bei einem Konzert, in einer atmosphärischen Bar oder bei einem Porträt bei Kerzenschein ist der direkte Blitz in 99 % der Fälle die falsche Wahl. Der Stimmungs-Erhalt hat hier oberste Priorität. Das Ziel ist es, das weiche, gerichtete und farbige Licht der Umgebung einzufangen, denn genau das macht den Reiz der Szene aus.

Doch es gibt Situationen, in denen der Blitz unverzichtbar ist. Stell dir eine Hochzeitsfeier in einem dunklen Saal vor. Du musst eine tanzende Gruppe von Menschen fotografieren. Ohne Blitz bräuchtest du eine extrem hohe ISO und eine kurze Verschlusszeit, was zu starkem Rauschen und Bewegungsunschärfe führen kann. Hier kann ein entfesselter, indirekter Blitz die Rettung sein. Indem du den Blitz von der Kamera löst und ihn gegen eine weisse Decke oder Wand richtest, erzeugst du ein weiches, grossflächiges Licht, das die Szene natürlich aufhellt, ohne die Stimmung komplett zu zerstören. Du kannst sogar eine lange Verschlusszeit mit einem Blitz auf den zweiten Vorhang kombinieren, um die Bewegung der Umgebung einzufangen und die Person im Vordergrund scharf abzubilden.

Ein weiterer Fall ist die Event-Reportage, bei der Gesichter klar erkennbar sein müssen. Ein leichter Aufhellblitz kann hier die Schatten unter den Augen reduzieren und für ein professionelleres Ergebnis sorgen, ohne das Umgebungslicht komplett zu überstrahlen. Die Akzeptanz von Bildrauschen hängt stark von der Kamera ab. Moderne Kameras liefern auch bei hohen ISO-Werten noch gute Ergebnisse.

Die folgende Tabelle gibt einen Anhaltspunkt, welche ISO-Werte bei verschiedenen Kamerasystemen als praktikabel gelten, wie eine Analyse von ivent.de zeigt.

ISO-Grenzwerte für verschiedene Kamerasysteme
Kameratyp Akzeptable ISO-Grenze Bemerkung
10 Jahre alte APS-C ISO 3200-6400 Noch annehmbar
Moderne Vollformat (ab 2015) ISO 6400 Gute Ergebnisse
Vollformat allgemein ISO 12.800 Durchaus verkraftbar

Die Entscheidung für oder gegen den Blitz ist also keine dogmatische, sondern eine strategische. Es geht darum abzuwägen: Ist mir der Erhalt der exakten Lichtstimmung wichtiger oder benötige ich ein technisch sauberes, scharfes Bild? In den meisten künstlerischen Fällen gewinnt das Umgebungslicht. In der kommerziellen Eventfotografie kann der Blitz jedoch ein unverzichtbares Werkzeug sein.

Der Balanceakt zwischen Verschlusszeit und ISO bei tanzenden Menschen

Das Fotografieren von sich bewegenden Menschen bei wenig Licht ist die Königsdisziplin. Hier prallen zwei unerbittliche physikalische Gesetze aufeinander: Um Bewegung einzufrieren, brauchst du eine kurze Verschlusszeit. Um bei wenig Licht zu fotografieren, brauchst du eine lange Verschlusszeit oder eine hohe ISO. Dies ist der ultimative kontrollierte Kompromiss, den du als Fotograf eingehen musst. Es gibt keine perfekte Einstellung, nur die beste Entscheidung für das gewünschte Ergebnis.

Willst du die Energie eines Tänzers in einer einzigen, gestochen scharfen Pose einfangen? Dann führt kein Weg an einer kurzen Verschlusszeit vorbei. Je nach Geschwindigkeit der Bewegung sind 1/250s das Minimum, oft eher 1/500s oder kürzer. Das bedeutet unweigerlich, dass du dein Licht-Budget an anderer Stelle aufbrauchen musst: entweder durch eine sehr weite Blendenöffnung (siehe nächster Abschnitt) oder durch eine hohe ISO. Hier musst du das Rauschen als notwendiges Übel akzeptieren, um die Schärfe zu garantieren. Ein scharfes, verrauschtes Bild ist fast immer besser als ein sauberes, aber verwackeltes.

Dynamische Tanzaufnahme mit ausbalancierter Verschlusszeit und ISO-Einstellung

Oder willst du die Dynamik und die Bewegung selbst zum Bildinhalt machen? Dann wähle bewusst eine längere Verschlusszeit, zum Beispiel 1/30s oder 1/15s. Folge dem Tänzer mit der Kamera („Mitzieher“), um sein Gesicht relativ scharf zu halten, während der Rest in Bewegungsunschärfe verschwimmt. Dies erzeugt extrem dynamische und künstlerische Bilder und hat den netten Nebeneffekt, dass du die ISO deutlich senken kannst. Moderne Sensoren bieten dank ISO-Invarianz zudem mehr Spielraum. Wie eine Studie zur ISO-Invarianz zeigt, ist bei vielen Kameras kaum ein Unterschied sichtbar, ob man direkt mit ISO 1600 fotografiert oder mit ISO 200 und das Bild in der Nachbearbeitung aufhellt.

Letztens bei einem Boxkampf ISO Automatik auf 6400 und längste Belichtungszeit auf 1/640 eingestellt. Durfte das Objektiv direkt zwischen den Ringen halten… Mit die besten Aufnahmen die ich bis jetzt gemacht habe.

– Tom, Karsten Kettermann Blog – ISO Bildrauschen

Dieses Beispiel zeigt perfekt den Balanceakt: Eine sehr kurze Verschlusszeit (1/640s) war nötig, um die schnellen Bewegungen der Boxer einzufrieren. Der Preis dafür war eine hohe ISO von 6400 – ein Kompromiss, der sich für das Ergebnis absolut gelohnt hat. Deine Aufgabe ist es, vor jeder Aufnahme zu entscheiden: Schärfe oder Dynamik? Und dann die Parameter entsprechend anzupassen.

Wie konfiguriert man Auto-ISO, um die Kontrolle nicht an die Kamera zu verlieren?

Auto-ISO ist eines der mächtigsten und gleichzeitig am meisten missverstandenen Werkzeuge moderner Kameras. Viele Fotografen meiden es, weil sie befürchten, die Kontrolle an die Kamera abzugeben. Doch das Gegenteil ist der Fall: Richtig konfiguriert, gibt dir Auto-ISO die Kontrolle über die wirklich wichtigen Parameter zurück – Blende und Verschlusszeit – während die Kamera die Belichtung über die ISO-Anpassung sicherstellt. Es ist dein persönlicher Assistent, der dir den Rücken freihält.

Der Trick besteht darin, der Automatik klare Grenzen zu setzen. Anstatt die Kamera wild zwischen ISO 100 und 51.200 wählen zu lassen, definierst du ein Spielfeld. Die zwei wichtigsten Einstellungen dafür sind: der maximale ISO-Wert und die minimale Verschlusszeit. Den maximalen ISO-Wert setzt du auf deine persönliche Schmerzgrenze, also den höchsten Wert, bei dem du die Bildqualität noch für akzeptabel hältst. Für viele moderne Kameras ist ein Wert von ISO 6400 oder 12.800 ein guter Ausgangspunkt.

Meine Schmerzgrenze liegt beim ISO der A7III bei ISO 6400. Diesen Trick habe ich auch schon in meinem Beitrag über Belichtungsautomatiken beschrieben.

– Markus Thoma, journal.markusthoma.com

Noch wichtiger ist die minimale Verschlusszeit. Hier kannst du der Kamera sagen, welche Zeit sie nicht unterschreiten soll, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden. Viele Kameras bieten hier eine „Auto“-Option an, die sich an der Brennweite orientiert (die berühmte 1/Brennweite-Regel). Das ist ein guter Start, aber bei schnellen Motiven musst du einen festen Wert vorgeben, z.B. 1/250s. Wenn du nun im Zeitautomatik- (A/Av) oder Manuell-Modus (M) fotografierst, wählst du deine gewünschte Blende und Verschlusszeit, und die Kamera passt die ISO automatisch innerhalb deiner Grenzen an, um eine korrekte Belichtung zu erzielen. Du behältst die volle kreative Kontrolle und musst nicht ständig die ISO manuell nachjustieren.

Aktionsplan: Auto-ISO für maximale Kontrolle konfigurieren

  1. Obergrenze festlegen: Navigiere ins Kameramenü und setze den maximalen ISO-Wert auf deine persönliche Schmerzgrenze (z.B. ISO 6400 oder 12.800). Die Kamera wird diesen Wert niemals überschreiten.
  2. Untergrenze für Verschlusszeit definieren: Lege die längste Belichtungszeit fest, die die Kamera verwenden darf. Wähle „Auto“ für statische Szenen oder einen festen Wert (z.B. 1/250s) für bewegte Motive.
  3. Im M-Modus arbeiten: Wähle im Manuell-Modus deine gewünschte Blende und Verschlusszeit. Die Kamera regelt die ISO automatisch, um die Belichtung auszugleichen.
  4. Belichtungskorrektur nutzen: Nutze das Belichtungskorrekturrad, um die Helligkeit des Bildes schnell anzupassen, ohne die Blende oder Zeit ändern zu müssen. Die Kamera verschiebt dann den Ziel-ISO-Wert entsprechend.
  5. Profil speichern: Speichere diese Konfiguration auf einem der Custom-Modi deiner Kamera (C1, C2, …), um sie bei Bedarf mit einem einzigen Handgriff abrufen zu können.

Warum ist die Basis-ISO immer der Garant für den höchsten Dynamikumfang?

Wir haben viel über hohe ISO-Werte gesprochen, aber um sie zu meistern, müssen wir auch ihr Gegenteil verstehen: die Basis-ISO. Die Basis-ISO (oft ISO 100 oder 200) ist die native Empfindlichkeit des Kamerasensors, bei der er ohne jegliche digitale Verstärkung arbeitet. In diesem Zustand liefert der Sensor die absolut beste Bildqualität, die er zu bieten hat. Das bedeutet nicht nur das geringste Rauschen, sondern vor allem den maximalen Dynamikumfang.

Dynamikumfang ist die Fähigkeit des Sensors, gleichzeitig sehr helle und sehr dunkle Bereiche in einem Bild mit allen Details zu erfassen. Bei der Basis-ISO ist dieser Umfang am grössten. Du kannst aus den Schatten noch Details herausarbeiten und in den Lichtern gibt es noch Zeichnung, bevor sie ausbrennen. Sobald du die ISO erhöhst, wird das Signal des Sensors digital verstärkt. Dieser Prozess verstärkt nicht nur das Lichtsignal, sondern auch das Grundrauschen, und er reduziert den Dynamikumfang. Die Lichter brennen schneller aus und die Schatten enthalten weniger Informationen und mehr Rauschen.

Deshalb ist die Regel „fotografiere mit der niedrigsten möglichen ISO“ im Grunde korrekt, wenn maximale Bildqualität das Ziel ist, z.B. in der Landschafts- oder Studiofotografie. Wie eine Analyse von fotowissen.eu zeigt, variiert die Basisempfindlichkeit je nach Hersteller: Bei Canon liegt sie oft bei ISO 100, während Fujifilm-Kameras wie die X-T5 eine Basis-ISO von 160 haben. Eine clevere Technik, um auch bei höheren Kontrasten nahe an der Basis-ISO zu bleiben, ist „Exposing to the Right“ (ETTR). Dabei belichtest du das Bild so hell wie möglich, ohne dass die wichtigen Lichter ausbrennen. Die RAW-Datei wird in der Nachbearbeitung wieder abgedunkelt. Da Rauschen in den hellen Bildbereichen weniger stark ist, erhältst du so deutlich sauberere Schatten als bei einer „korrekten“ Belichtung in der Kamera.

Für uns Low-Light-Fotografen bedeutet das: Auch wenn wir oft zu hohen ISO-Werten gezwungen sind, sollten wir das Prinzip der Basis-ISO im Hinterkopf behalten. Jede Möglichkeit, die ISO auch nur um eine Stufe zu senken – sei es durch eine offenere Blende oder eine etwas längere Verschlusszeit –, zahlt sich in einem besseren Dynamikumfang und saubereren Dateien aus.

Warum der Unterschied zwischen f/2.8 und f/1.2 über ‚brauchbar‘ oder ‚unscharf‘ entscheidet?

Wenn du dein „Licht-Budget“ bei schlechten Lichtverhältnissen verwaltest, ist die Blende dein mächtigster Hebel. Der Unterschied in der Lichtmenge zwischen verschiedenen Blendenstufen ist nicht linear, sondern exponentiell. Das zu verstehen, ist entscheidend, um die Notwendigkeit hoher ISO-Werte zu minimieren. Ein Objektiv mit einer Offenblende von f/1.4 sammelt viermal so viel Licht wie ein Standard-Zoomobjektiv bei f/2.8. Viermal! Das bedeutet, du könntest statt mit ISO 6400 mit ISO 1600 fotografieren – ein gewaltiger Sprung in der Bildqualität.

Diese zusätzliche Lichtmenge ist der Grund, warum lichtstarke Festbrennweiten (wie 35mm f/1.4, 50mm f/1.8 oder 85mm f/1.2) die erste Wahl für Konzert- und Eventfotografen sind. Sie ermöglichen es dir, auch bei sehr wenig Licht noch mit moderaten ISO-Werten und ausreichend kurzen Verschlusszeiten zu arbeiten. Ein Objektiv mit f/1.2 ist deine Eintrittskarte, um Bilder zu machen, die mit einem f/2.8- oder gar f/4-Objektiv schlicht unmöglich wären. Der Unterschied entscheidet oft nicht über „gut“ oder „besser“, sondern über „brauchbar“ oder „komplett unscharf und verwackelt“.

Natürlich haben diese Objektive auch ihre Tücken. Bei Offenblenden wie f/1.2 oder f/1.4 ist die Schärfentiefe extrem gering. Ein paar Zentimeter Bewegung des Models oder des Fotografen können dazu führen, dass statt der Augen die Nasenspitze scharf ist. Hier ist ein präziser Autofokus und eine ruhige Hand gefragt. Doch dieser Kompromiss ist es wert. Die Fähigkeit, Licht quasi aus dem Nichts zu zaubern, gibt dir einen kreativen und technischen Vorsprung, der unbezahlbar ist.

Wenn du also das nächste Mal vor der Wahl stehst, die ISO auf 12.800 zu schrauben, frage dich, ob du nicht stattdessen in eine lichtstärkere Festbrennweite investieren solltest. Es ist oft die nachhaltigere Lösung für bessere Low-Light-Bilder als der ständige Kauf der neuesten Kamerageneration. Der Zugewinn an Licht durch die Optik ist reines, sauberes Signal – ohne die Nachteile der digitalen Verstärkung durch hohe ISO-Werte.

Das Wichtigste in Kürze

  • Meistere dein Werkzeug: Nutze lichtstarke Festbrennweiten und konfiguriere Auto-ISO mit klaren Grenzen, um die Kontrolle zu behalten, anstatt sie abzugeben.
  • Fotografiere bewusst: Triff vor jeder Aufnahme eine strategische Entscheidung zwischen dem Einfrieren von Bewegung (kurze Verschlusszeit, hohe ISO) und dem Einfangen von Dynamik (lange Verschlusszeit, niedrige ISO).
  • Rette in der Postproduktion: Verlasse dich auf moderne KI-Entrauschungs-Software, um Details zu retten und die Grenzen des technisch Möglichen zu verschieben.

Wie fotografiert man stimmungsvolle Porträts nur mit Fensterlicht und Reflektor?

Nachdem wir die extremen Low-Light-Situationen gemeistert haben, wenden wir uns einer kontrollierteren, aber nicht weniger kunstvollen Disziplin zu: dem Porträt mit natürlichem Licht. Fensterlicht ist eine der schönsten und schmeichelhaftesten Lichtquellen, die es gibt. Es ist weich, gerichtet und kostenlos. Mit nur einem Fenster und einem einfachen Reflektor kannst du Ergebnisse erzielen, die teuren Studio-Setups in nichts nachstehen.

Der Schlüssel liegt darin, das Licht zu „lesen“ und zu formen. Positioniere dein Model nicht direkt in der prallen Sonne, sondern im weichen Licht neben dem Fenster. Je näher das Model am Fenster steht, desto stärker ist der Lichtabfall und desto dramatischer werden die Schatten. Je weiter entfernt, desto gleichmässiger und weicher wird die Ausleuchtung. Experimentiere mit dem Winkel des Models zum Fenster, um verschiedene Lichtstimmungen zu erzeugen:

  • Seitenlicht: Das Model blickt parallel zum Fenster. Eine Gesichtshälfte wird beleuchtet, die andere liegt im Schatten. Dies erzeugt Tiefe und Charakter.
  • Rembrandt-Licht: Eine leichte Drehung zum Fenster hin, sodass auf der schattigen Wange ein kleines Lichtdreieck unter dem Auge entsteht. Sehr klassisch und dramatisch.
  • Frontales Licht: Das Model blickt direkt aus dem Fenster. Dies sorgt für eine sehr flache, schattenfreie und schmeichelhafte Ausleuchtung, ideal für Beauty-Porträts.

Der Reflektor ist dabei dein wichtigstes Werkzeug zur Kontrolle. Mit der weissen Seite kannst du die Schatten sanft aufhellen, ohne die Grundstimmung zu verändern. Die silberne Seite erzeugt ein härteres, kontrastreicheres Licht, während die schwarze Seite verwendet wird, um Licht zu schlucken und die Schatten zu vertiefen (Negative Fill). Indem du den Reflektor positionierst, übernimmst du die volle Kontrolle über den Kontrast und die Form des Gesichts. Nutze dünne, lichtdurchlässige Vorhänge als natürlichen Diffusor, um das Licht noch weicher zu machen.

Die hohe Kunst der Fotografie ist, Licht lesen zu lernen. Woher kommt es und wie kann ich es gezielt lenken oder einsetzen. Im Schatten ist das Licht zum Beispiel angenehm weich und gleichmässig.

– Roland Voraberger, Fotografenduo Linse2

Diese Fähigkeit, das vorhandene Licht zu sehen, zu formen und zu lenken, ist das, was einen guten von einem grossartigen Porträtfotografen unterscheidet. Es geht nicht um die Ausrüstung, sondern um das Verständnis für das Licht selbst.

Um diese Techniken zu perfektionieren, ist es hilfreich, sich die Grundprinzipien der Lichtführung immer wieder vor Augen zu führen.

Jetzt liegt es an dir. Geh raus, auch wenn es dunkel ist, und wende diese Techniken an. Sieh ISO 6400 nicht als Grenze, sondern als Werkzeug. Meistere die Kompromisse zwischen Licht, Bewegung und Technik, und bring die Bilder mit nach Hause, die andere gar nicht erst versuchen.

Geschrieben von Torsten Fiedler, Landschaftsfotograf und Technik-Redakteur. Spezialist für Kamera-Hardware, optische Systeme und Outdoor-Equipment unter Extrembedingungen.