
Die wahre Kunst der Porträtfotografie mit Fensterlicht liegt nicht darin, das Licht zu maximieren, sondern darin, es bewusst zu formen und seine vermeintlichen Schwächen als Stärke zu nutzen.
- Schatten sind kein Fehler, sondern ein erzählerisches Werkzeug für Tiefe und Charakter.
- Die Harmonisierung verschiedener Lichtfarben schafft filmische Atmosphäre statt technischer Probleme.
Empfehlung: Betrachten Sie jede Lichtsituation nicht als Einschränkung, sondern als kreative Vorgabe, um einzigartige und emotionale Bilder zu schaffen, die sich von der Masse abheben.
Jeder Fotograf kennt diesen Moment: Man betritt einen Raum, das Licht fällt malerisch durch ein Fenster und taucht alles in eine weiche, fast greifbare Atmosphäre. Der Impuls, sofort die Kamera zu zücken, ist stark. Doch oft folgt die Ernüchterung. Die Bilder wirken flach, die Schatten zu hart, oder die Stimmung des Moments will sich einfach nicht auf dem Sensor einfangen lassen. Viele greifen dann zu den bekannten Ratschlägen: das Model so nah wie möglich ans Fenster stellen, die Schatten mit einem Reflektor komplett aufhellen und jede andere Lichtquelle im Raum eliminieren.
Diese Techniken haben ihre Berechtigung, doch sie kratzen nur an der Oberfläche. Sie zielen darauf ab, Probleme zu „beheben“, statt das Potenzial des Lichts voll auszuschöpfen. Sie führen oft zu technisch sauberen, aber seelenlosen Porträts. Was aber, wenn der Schlüssel zu wirklich stimmungsvollen Bildern nicht darin liegt, die Unvollkommenheiten des natürlichen Lichts zu bekämpfen, sondern sie zu umarmen und gezielt zu formen? Wenn tiefe Schatten, gemischte Farbtemperaturen und eine extrem geringe Schärfentiefe nicht Hindernisse, sondern die eigentlichen Werkzeuge für Charakter und Emotion sind?
Dieser Leitfaden verfolgt genau diesen Ansatz. Es geht darum, eine neue Perspektive zu entwickeln: Weg von der reinen Technik, hin zum sensiblen Beobachten und bewussten Gestalten. Wir werden erkunden, wie man das Licht nicht nur nutzt, sondern es liest und lenkt. Sie lernen, warum der Mut zum Schatten Ihre Bilder dreidimensionaler macht und wie Sie selbst bei extrem wenig Licht noch scharfe, ausdrucksstarke Aufnahmen aus der Hand realisieren. Es ist eine Einladung, die minimalistische Ausrüstung – nur Ihre Kamera, ein Fenster und ein Reflektor – als Befreiung zu sehen, die Sie zwingt, das Wesentliche zu meistern: das Licht selbst.
Für alle, die einen visuellen Einstieg bevorzugen, bietet das folgende Video einen ausgezeichneten Einblick in die Praxis der Porträtfotografie mit Fensterlicht und ergänzt die hier vorgestellten Konzepte durch direkte Anwendungsbeispiele.
Um die Kunst des Fensterlichts systematisch zu meistern, gliedert sich dieser Artikel in mehrere Kernbereiche. Von der grundlegenden Analyse des Lichts über den Umgang mit technischen Herausforderungen bis hin zur kreativen Nutzung von Schatten und Blende wird jeder Aspekt beleuchtet.
Inhaltsverzeichnis: Die Kunst des Porträts mit Fensterlicht und Reflektor
- Wie liest man eine Location, um das vorhandene Licht optimal zu formen?
- Wie harmonisiert man Tageslicht und Kunstlicht ohne Farbstiche im Gesicht?
- Warum der Unterschied zwischen f/2.8 und f/1.2 über „brauchbar“ oder „unscharf“ entscheidet?
- Der Mut zum Schatten: Warum man nicht jedes Detail aufhellen muss
- Wie hält man 1/15 Sekunde aus der Hand, wenn das Stativ keine Option ist?
- Wie positioniert man das Model zum Neonlicht, um Atmosphäre statt Dunkelheit zu erzeugen?
- Warum Blende f/1.4 Möglichkeiten eröffnet, die kein Zoom-Objektiv bieten kann?
- Wie vermeidet man Bildrauschen bei ISO 6400 und erhält trotzdem knackige Farben?
Wie liest man eine Location, um das vorhandene Licht optimal zu formen?
Bevor der Reflektor überhaupt zum Einsatz kommt, beginnt die Arbeit eines sensiblen Fotografen mit dem stillen Beobachten. Ein Raum ist nicht nur ein Hintergrund, er ist ein Lichtformer. Die Fähigkeit, eine Location zu „lesen“, ist der entscheidende erste Schritt, um von zufälligen Schnappschüssen zu bewusst gestalteten Porträts zu gelangen. Es geht darum zu verstehen, wie das Licht in den Raum fällt, wovon es reflektiert wird und wie diese Faktoren die Stimmung des Bildes prägen. Ein Fenster an einer Nordseite beispielsweise liefert über viele Stunden hinweg ein konstant weiches, diffuses Licht, das ideal für sanfte Porträts ist, während ein direktes Sonnenfenster harte Kontraste und dramatische Lichtmuster erzeugt.
Achten Sie nicht nur auf die Lichtquelle selbst, sondern auch auf die Umgebung. Eine weisse Wand gegenüber dem Fenster agiert als riesiger, natürlicher Aufheller. Ein warmer Holzboden hingegen „färbt“ das reflektierte Licht und verleiht den Hauttönen eine goldene Nuance. Dunkle Möbel oder eine dunkle Wand können gezielt eingesetzt werden, um Licht zu „schlucken“ und die Schatten zu vertiefen – eine Technik, die als negative Aufhellung bekannt ist. Der Reflektor wird so nicht mehr nur zum blossen Aufhellen benutzt, sondern zum gezielten Lenken und Modellieren. Die goldene Seite kann kühles Fensterlicht erwärmen, die silberne Seite sorgt für ein klares, gerichtetes Licht, und die schwarze Seite intensiviert die Schatten für ein dramaturgisches Low-Key-Porträt.
Ihr Plan zur Licht-Analyse vor Ort
- Lichtrichtung bestimmen: Testen Sie die Position des Models im 45-Grad-Winkel zum Fenster. Beobachten Sie, wie diese klassische Positionierung das Gesicht modelliert und eine natürliche Dreidimensionalität erzeugt.
- Farbtemperatur analysieren: Beurteilen Sie die Farbe der Wände und des Bodens. Ein Holzboden kann das Licht auf etwa 3200 Kelvin erwärmen, während neutrale weisse Wände die Tageslicht-Temperatur von ca. 5500 Kelvin beibehalten.
- Reflektierende Flächen identifizieren: Suchen Sie nach natürlichen Aufhellern ausserhalb des Raums. Eine helle Hauswand gegenüber dem Fenster kann wie ein gigantischer, kostenloser Reflektor wirken.
- Negative Füllung positionieren: Nutzen Sie dunkle Möbelstücke oder die schwarze Seite eines Faltreflektors, um Licht zu absorbieren. Dies schafft tiefere, dramatischere Schatten und lenkt den Fokus auf die beleuchteten Gesichtspartien.
Wie harmonisiert man Tageslicht und Kunstlicht ohne Farbstiche im Gesicht?
Die reine Lehre der Porträtfotografie besagt oft: Mische niemals verschiedene Lichtquellen. Der Grund ist die unterschiedliche Farbtemperatur, die zu unschönen Farbstichen im Gesicht führen kann. Eine herkömmliche Glühbirne erzeugt ein warmes, gelbliches Licht, während das Tageslicht von einem bewölkten Himmel kühl und bläulich wirkt. Tatsächlich kann der Unterschied zwischen Kunstlicht und Tageslicht mehrere tausend Kelvin betragen. Doch anstatt diese Differenz als Problem zu sehen, das es zu eliminieren gilt, können wir sie als kreative Chance begreifen. Die gezielte Mischung von warmen und kalten Tönen kann eine filmische Tiefe und eine besondere Atmosphäre erzeugen, die mit einer einzigen Lichtquelle kaum zu erreichen ist.
Der Schlüssel liegt in der Harmonisierung, nicht in der Eliminierung. Anstatt alle Lampen auszuschalten, positionieren Sie Ihr Model so, dass das neutrale oder kühle Fensterlicht die Hauptlichtquelle für das Gesicht bleibt. Eine wärmere Lichtquelle, wie eine Tischlampe im Hintergrund oder von der Seite, kann dann als Akzentlicht dienen. Sie kann ein warmes Kantenlicht (Rim Light) auf die Haare und Schultern zaubern oder dem Hintergrund eine gemütliche, warme Atmosphäre verleihen. Der Weissabgleich der Kamera wird dabei auf das Hauptlicht (das Fensterlicht) eingestellt. Der Reflektor wird hier zum Vermittler: Eine goldene Reflektorseite kann das kühle Fensterlicht subtil erwärmen und eine Brücke zur wärmeren Kunstlichtquelle schlagen, um einen sanfteren Übergang zu schaffen.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über verschiedene Lichtquellen und ihre charakteristischen Farbtemperaturen, was Ihnen hilft, die vorhandenen Lichter besser einzuschätzen und kreativ zu kombinieren.
| Lichtquelle | Farbtemperatur | Farbeindruck | Reflektor-Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Kerzenlicht | 1500-2000K | Sehr warm, orange | Silber zum Neutralisieren |
| Glühbirne | 2800-3200K | Warm, gelblich | Silber oder Weiss |
| Fensterlicht Nord | 5500-6500K | Neutral | Gold für Wärme |
| Bewölkter Himmel | 6500-7500K | Kühl, bläulich | Gold oder Warm-Weiss |
Warum der Unterschied zwischen f/2.8 und f/1.2 über „brauchbar“ oder „unscharf“ entscheidet?
Bei wenig Licht ist eine grosse Blendenöffnung (eine kleine f-Zahl) vor allem eine technische Notwendigkeit, um genügend Licht auf den Sensor zu bekommen. Doch die Wahl zwischen einer Blende von f/2.8, f/1.8 oder gar f/1.2 ist weit mehr als das – es ist eine fundamentale kreative Entscheidung, die die gesamte Bildwirkung definiert. Während eine Blende von f/2.8 oft als professioneller Standard gilt, der das gesamte Gesicht in einer akzeptablen Schärfeebene abbildet, eröffnen lichtstärkere Festbrennweiten eine Welt der selektiven Schärfe und des „Charakter-Bokehs“. Es geht nicht mehr nur darum, den Hintergrund unscharf zu machen, sondern darum, den Blick des Betrachters mit chirurgischer Präzision zu führen.
Mit einer Blende von f/1.4 oder f/1.2 wird die Schärfeebene so hauchdünn, dass nur noch die Wimpern oder ein einziger Punkt im Auge scharf ist, während der Rest des Gesichts bereits in eine sanfte Unschärfe übergeht. Dieser Effekt erzeugt eine immense Intimität und eine fast traumartige Atmosphäre. Das Bild wird weniger zu einer dokumentarischen Abbildung und mehr zu einer emotionalen Interpretation. Der Sweet Spot für viele Porträtfotografen liegt oft bei f/1.8 bis f/2.0, da hier beide Augen scharf abgebildet werden können, der Hintergrund aber bereits in ein cremiges Bokeh zerfliesst, das die Person perfekt vom Umfeld isoliert und Emotionen in den Vordergrund stellt.
Die bewusste Steuerung der Schärfentiefe ist ein mächtiges erzählerisches Werkzeug:
- f/1.2-f/1.4: Nur die Wimpern oder ein Auge sind scharf. Ideal für intime, träumerische und sehr künstlerische Porträts, bei denen die Stimmung wichtiger ist als die technische Perfektion.
- f/1.8-f/2.0: Beide Augen sind scharf, der Hintergrund ist weich und cremig. Dies ist der „Sweet Spot“ für emotionale Porträts, der die Person fokussiert, ohne unnatürlich zu wirken.
- f/2.8: Das gesamte Gesicht liegt in der Schärfeebene. Ein professioneller Standard, der Sicherheit gibt und für kommerzielle oder klassische Porträts oft bevorzugt wird.
- f/4-f/5.6: Die Person und Teile ihrer unmittelbaren Umgebung sind scharf. Perfekt für „Environmental Portraits“, die den Menschen in seinem Kontext zeigen und eine Geschichte über sein Umfeld erzählen.
Der Mut zum Schatten: Warum man nicht jedes Detail aufhellen muss
Einer der häufigsten Reflexe in der Porträtfotografie ist, Schatten um jeden Preis zu vermeiden oder zumindest stark aufzuhellen. Ein Gesicht soll gleichmässig und klar erkennbar sein. Doch in diesem Streben nach technischer Sauberkeit geht oft das verloren, was ein Bild wirklich interessant macht: Tiefe, Form und Geheimnis. Wie der Porträtfotograf Tilman Köneke treffend bemerkt:
Ein halb im Schatten liegendes Gesicht wirkt geheimnisvoller und dreidimensionaler als ein flach ausgeleuchtetes
– Tilman Köneke, Workshop Porträt mit Fensterlicht
Schatten sind nicht die Abwesenheit von Licht; sie sind ein aktives Gestaltungselement. Sie formen das Gesicht, betonen Konturen und schaffen eine Plastizität, die ein flach ausgeleuchtetes Bild niemals erreichen kann. Der Mut zum Schatten bedeutet, bewusst zu entscheiden, welche Teile des Gesichts im Dunkeln bleiben dürfen. Diese Technik, oft als Low-Key-Fotografie bezeichnet, lenkt den Blick des Betrachters auf das Wesentliche – ein leuchtendes Auge, die Kontur einer Wange, das Andeuten eines Lächelns. Der Reflektor wird hierbei nicht primär zum Aufhellen genutzt, sondern oft seine schwarze Seite, um noch mehr Licht zu schlucken und die Schatten gezielt zu vertiefen.

Das obige Bild illustriert diesen Ansatz perfekt. Das Fensterlicht trifft das Gesicht nur von einer Seite und modelliert es wie eine Skulptur. Die andere Gesichtshälfte verschwindet fast vollständig im Dunkeln. Dieser narrative Schatten erzeugt eine Spannung und regt die Fantasie des Betrachters an. Er erzählt eine Geschichte, ohne alle Details preiszugeben. Anstatt das gesamte Gesicht zu zeigen, laden Sie den Betrachter ein, die fehlenden Informationen selbst zu ergänzen, was zu einer viel intensiveren Auseinandersetzung mit dem Porträt führt.
Wie hält man 1/15 Sekunde aus der Hand, wenn das Stativ keine Option ist?
Die atmosphärischsten Lichtstimmungen finden sich oft dann, wenn das Licht schwindet. Das Problem: Die Verschlusszeit sinkt in gefährlich lange Bereiche, in denen jede kleine Bewegung zu Unschärfe führt. Ein Stativ ist die offensichtliche Lösung, aber oft unpraktisch, verboten oder zerstört die spontane Interaktion mit dem Model. Die gute Nachricht ist, dass die moderne Kameratechnik enorme Fortschritte gemacht hat. Moderne Bildstabilisierungssysteme ermöglichen laut Herstellern eine Kompensation von bis zu 8 Blendenstufen, was bedeutet, dass selbst Verschlusszeiten wie 1/15 Sekunde oder länger plötzlich haltbar werden. Doch auch ohne die neueste Technik gibt es bewährte Methoden, um die eigene Stabilität drastisch zu erhöhen.
Der Schlüssel liegt darin, den eigenen Körper als Stativ zu begreifen – das „Körper-Stativ“. Es geht darum, eine stabile Basis zu schaffen und die Atmung zu kontrollieren. Lehnen Sie sich gegen eine Wand, einen Türrahmen oder setzen Sie sich auf den Boden, um einen zusätzlichen Kontaktpunkt und damit mehr Stabilität zu gewinnen. Pressen Sie Ihre Ellenbogen fest an den Oberkörper, anstatt sie in der Luft schweben zu lassen. Diese Haltung reduziert das Zittern der Arme erheblich. Die wichtigste Technik ist jedoch die Kontrolle der Atmung, eine Methode, die auch Scharfschützen anwenden.
Folgende Techniken helfen Ihnen, auch bei langen Verschlusszeiten scharfe Bilder zu erzielen:
- Schützen-Atmung: Atmen Sie tief ein, dann etwa zur Hälfte wieder aus. Halten Sie in diesem Moment die Luft an. Ihr Körper ist in diesem kurzen Augenblick am ruhigsten. Lösen Sie genau dann aus.
- Körper-Stativ: Pressen Sie die Ellenbogen fest an Ihren Oberkörper und lehnen Sie sich zusätzlich an eine Wand oder einen festen Gegenstand, um ein stabiles Drei-Punkt-System zu schaffen.
- Serienbild-Strategie: Aktivieren Sie den Serienbildmodus und machen Sie eine kurze Salve von 3-5 Bildern. Das mittlere Bild der Serie ist oft das schärfste, da die Bewegung des Auslösens bereits abgeklungen ist.
- Bewegungsunschärfe umarmen: Manchmal ist die perfekte Schärfe nicht das Ziel. Eine leichte Bewegungsunschärfe kann als künstlerisches Stilmittel genutzt werden, um Dynamik und eine traumhafte Atmosphäre zu erzeugen.
Wie positioniert man das Model zum Neonlicht, um Atmosphäre statt Dunkelheit zu erzeugen?
Neonlichter, Leuchtreklamen oder die Lichter einer nächtlichen Stadt, die durch ein Fenster scheinen, sind eine besondere Form von Umgebungslicht. Sie sind oft punktuell, intensiv gefärbt und können eine Szene entweder in eine magische, filmische Atmosphäre tauchen oder sie in einem chaotischen Durcheinander aus Lichtern und tiefen Schatten untergehen lassen. Der Fehler besteht darin, das Neonlicht als Hauptlichtquelle nutzen zu wollen. Da es oft nicht ausreicht, um ein Gesicht vollständig und schmeichelhaft auszuleuchten, führt dies meist zu unterbelichteten Bildern mit unvorteilhaften Schatten. Der Schlüssel liegt, ähnlich wie beim Mischlicht, in der Hierarchie der Lichtquellen.
Betrachten Sie das Fensterlicht, selbst wenn es nur noch schwaches Dämmerlicht ist, weiterhin als Ihre Hauptlichtquelle. Positionieren Sie Ihr Model so, dass das weiche Fensterlicht das Gesicht von vorne oder leicht seitlich beleuchtet und für die Grundform und die wichtigsten Details sorgt. Das Neonlicht, das von aussen durch dasselbe oder ein anderes Fenster fällt, wird dann zur kreativen Zugabe. Es sollte idealerweise von hinten oder von der Seite auf das Model treffen und als charaktervolles Kantenlicht (Rim Light) dienen. Es zeichnet eine farbige Kontur um die Haare und Schultern und trennt die Person so eindrucksvoll vom Hintergrund.
Um das Neonlicht als atmosphärisches Element optimal zu nutzen, gehen Sie folgendermassen vor:
- Positionieren Sie das Model so, dass das Hauptlicht (Fensterlicht) das Gesicht von vorne-seitlich modelliert.
- Lassen Sie das Neonlicht von aussen als Kantenlicht auf die Haare und Schultern fallen, um eine farbige Silhouette zu erzeugen.
- Nutzen Sie einen silbernen Reflektor, um die intensive Farbe des Neonlichts subtil auf die Schattenseite des Gesichts zu reflektieren und so eine Farbharmonie zu schaffen.
- Achten Sie auf die Catchlights in den Augen: Idealerweise fangen Sie sowohl die Reflexion des Fensters als auch einen farbigen Punkt des Neonlichts ein, um dem Blick Tiefe und Komplexität zu verleihen.
Warum Blende f/1.4 Möglichkeiten eröffnet, die kein Zoom-Objektiv bieten kann?
Ein hochwertiges Zoom-Objektiv bietet Flexibilität und Komfort. Man kann den Bildausschnitt schnell anpassen, ohne sich bewegen zu müssen. Doch wenn es um die maximale atmosphärische Wirkung bei Fensterlicht geht, offenbart eine lichtstarke Festbrennweite, zum Beispiel mit Blende f/1.4, eine völlig andere Welt. Es geht dabei um weit mehr als nur die zwei bis drei Blendenstufen mehr Licht, die sie im Vergleich zu einem typischen Zoom-Objektiv (f/2.8-4) einfängt. Es geht um die Qualität des Bildes und die Art, wie es den Fotografen zur Kreativität zwingt.
Festbrennweiten sind optisch oft einfacher konstruiert, was zu einem höheren Mikrokontrast und einer besseren Schärfeleistung führt. Details wirken plastischer, Texturen greifbarer. Darüber hinaus ist die Qualität der Unschärfe, das Bokeh, meist deutlich charaktervoller und weicher. Während ein Zoom-Objektiv oft ein härteres, unruhigeres Bokeh erzeugt, malen gute Festbrennweiten den Hintergrund cremig und sanft. Viel wichtiger ist jedoch der psychologische Effekt: Da man nicht zoomen kann, ist man gezwungen, sich zu bewegen. Dieser „Bewegungszwang“ fördert die Kreativität. Man verändert die Perspektive, geht näher heran, weiter weg und interagiert intensiver mit dem Model und dem Raum. Man entdeckt neue Winkel und Kompositionen, anstatt bequem an einer Stelle zu verharren.
Diese Gegenüberstellung verdeutlicht die unterschiedlichen Philosophien der Objektivtypen:
| Eigenschaft | Festbrennweite f/1.4 | Zoom f/2.8-4 |
|---|---|---|
| Lichtstärke | 2-3 Stufen mehr Licht | Begrenzt bei wenig Licht |
| Mikrokontrast | Exzellent, plastische Wirkung | Gut, aber weniger Definition |
| Bokeh-Qualität | Cremig, charaktervoll | Eher hart, weniger weich |
| Bewegungszwang | Fördert Kreativität durch Bewegung | Verleitet zu Bequemlichkeit |
Das Wichtigste in Kürze
- Licht formen statt nur aufhellen: Nutzen Sie die Umgebung und den Reflektor, um das Licht bewusst zu lenken und zu modellieren.
- Schatten als Gestaltungselement: Umarmen Sie den Schatten, um Tiefe, Dreidimensionalität und eine geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen.
- Technische Grenzen kreativ nutzen: Sehen Sie wenig Licht, hohe ISO-Werte und Mischlicht nicht als Problem, sondern als Chance für einen einzigartigen, filmischen Bildlook.
Wie vermeidet man Bildrauschen bei ISO 6400 und erhält trotzdem knackige Farben?
Die Angst vor hohem ISO-Rauschen ist tief in vielen Fotografen verwurzelt. Doch die Technologie hat sich rasant entwickelt. Während früher ISO 1600 bereits als kritische Grenze galt, liefern moderne Kameras laut aktuellen Tests selbst bei ISO 3200 (APS-C) oder ISO 6400 (Vollformat) erstaunlich saubere Ergebnisse. Das bedeutet, dass die technische Notwendigkeit, bei wenig Licht den ISO-Wert zu erhöhen, nicht mehr zwangsläufig zu unbrauchbaren Bildern führt. Statt das Rauschen zu fürchten, können wir lernen, es zu kontrollieren und sogar ästhetisch zu nutzen.
Der wichtigste Grundsatz zur Rauschminimierung lautet: Belichten Sie so hell wie möglich, ohne die Lichter ausbrennen zu lassen. Rauschen wird vor allem in den dunklen Bildbereichen sichtbar, wenn man diese in der Nachbearbeitung aufhellt. Eine bewährte Profi-Technik ist „Exposing to the Right“ (ETTR). Dabei wird das Bild absichtlich etwas überbelichtet, sodass das Histogramm nach rechts verschoben ist. In der Nachbearbeitung wird die Belichtung dann wieder reduziert. Dieser Prozess minimiert das Rauschen in den Schattenbereichen einer RAW-Datei erheblich effektiver als das nachträgliche Aufhellen eines unterbelichteten Bildes.

Letztendlich ist es aber auch eine Frage der Perspektive. Anstatt das digitale Rauschen als hässlichen Fehler zu betrachten, können wir es in der Nachbearbeitung in eine ansprechende, filmische Körnung umwandeln. Viele Software-Tools bieten heute Profile an, die das Rauschen in eine Struktur umwandeln, die an klassisches analoges Filmmaterial erinnert. Dies verleiht dem Bild Textur, Charakter und eine zeitlose Ästhetik. Das digitale „Problem“ wird so zu einem bewussten Stilmittel, das perfekt zur atmosphärischen Stimmung eines bei schwachem Licht aufgenommenen Porträts passt.
Jetzt, da Sie die Werkzeuge und die Denkweise kennen, um das Licht zu formen, liegt der nächste Schritt in der Praxis. Experimentieren Sie mit den hier vorgestellten Techniken, beobachten Sie das Licht in Ihrer Umgebung und wagen Sie es, die konventionellen Regeln zu brechen, um Ihre eigene, unverwechselbare Bildsprache zu entwickeln.