Veröffentlicht am März 15, 2024

Die Kontrolle über die Mittagssonne bei f/1.8 erlangt man nicht durch die Wahl zwischen HSS *oder* ND-Filter, sondern durch das strategische Management des „Energie-Budgets“ Ihres Blitzes und das Verständnis der Bewegungsphysik.

  • High-Speed Sync (HSS) tauscht enorme Blitzleistung gegen kurze Verschlusszeiten und kostet Sie bei 1/1600s schnell bis zu 3 Blendenstufen an Licht.
  • Um schnelle Bewegungen gestochen scharf einzufrieren, ist eine kurze Blitz-Abbrennzeit (t0.1) entscheidend, nicht die kurze Verschlusszeit des HSS-Modus.

Empfehlung: Hören Sie auf, in Kameramodi zu denken. Fangen Sie an, wie ein Physiker zu handeln: Kontrollieren Sie das Licht aktiv, anstatt nur die Belichtung zu korrigieren.

Jeder Outdoor-Porträtfotograf kennt diese Zwickmühle: Man möchte das Model mit einer cremigen Hintergrundunschärfe bei Blende f/1.8 freistellen, doch die unbarmherzige Mittagssonne brennt den Himmel gnadenlos aus. Die Kameraelektronik kapituliert, die Verschlusszeit ist am Limit. Der erste Reflex vieler ist, den Blitz zur Hilfe zu nehmen und in den High-Speed Sync (HSS) Modus zu wechseln. Das ist eine gängige Lösung, aber oft nur die halbe Wahrheit und selten die beste. Die üblichen Ratschläge erschöpfen sich oft in einer simplen Gegenüberstellung von HSS und ND-Filtern.

Doch was, wenn die wahre Meisterschaft nicht darin liegt, einen Knopf zu drücken, sondern die Physik dahinter zu beherrschen? Was, wenn die entscheidenden Faktoren das Energie-Budget Ihres Blitzes, die Mechanik Ihres Kameraverschlusses und die ultra-kurze Dauer des Blitzlichts selbst sind? Dieser Guide geht über die Grundlagen hinaus. Wir tauchen tief in die Technik ein, um Ihnen nicht nur eine Lösung, sondern die volle kreative Kontrolle zu geben. Es geht nicht darum, ein Problem zu beheben, sondern darum, das Licht nach Ihren Vorstellungen zu formen.

Dieser Artikel ist als technischer Deep-Dive konzipiert. Wir analysieren die physikalischen Grundlagen, vergleichen die Vor- und Nachteile der verschiedenen Techniken und geben Ihnen das Rüstzeug, um in jeder Situation eine bewusste, kreative Entscheidung zu treffen. Machen Sie sich bereit, die Sonne zu zähmen.

Warum normale Blitzsynchronzeiten bei 1/200s enden und wie HSS das umgeht?

Um das Problem an der Wurzel zu packen, müssen wir verstehen, wie ein moderner Kameraverschluss funktioniert. Die meisten Kameras nutzen einen sogenannten Schlitzverschluss. Bei längeren Verschlusszeiten öffnet sich der erste Verschlussvorhang, gibt den gesamten Sensor frei, der Blitz zündet, und der zweite Vorhang schliesst die Belichtung ab. Bei sehr kurzen Verschlusszeiten, typischerweise oberhalb von 1/200s oder 1/250s, ist der Sensor jedoch nie vollständig freigelegt. Stattdessen bewegt sich ein schmaler Schlitz zwischen dem ersten und zweiten Vorhang über den Sensor. Ein einzelner, kurzer Blitz würde nur diesen schmalen Streifen belichten, was zu den bekannten schwarzen Balken im Bild führt.

Hier kommt die High-Speed Sync (HSS) ins Spiel. Anstatt eines einzigen, hellen Impulses sendet der Blitz im HSS-Modus eine Serie von Tausenden extrem schneller Lichtimpulse aus – er wird quasi zu einem Stroboskop oder einer Art Dauerlicht für den Bruchteil einer Sekunde. Dieses gepulste Licht sorgt dafür, dass jeder Teil des Sensors gleichmässig belichtet wird, während der schmale Schlitz darüber hinwegwandert. Dies erlaubt es uns, die Verschlusszeit drastisch zu verkürzen (z. B. auf 1/4000s), um das helle Umgebungslicht zu kontrollieren und gleichzeitig mit offener Blende zu arbeiten.

Technische Visualisierung des Schlitzverschlusses und der HSS-Funktion

Diese geniale technische Umgehung hat jedoch ihren Preis, wie wir gleich sehen werden. Es ist auch wichtig zu wissen, dass es alternative Verschlusstechnologien gibt. Ein Paradebeispiel ist der Zentralverschluss, wie er in einigen Objektiven der Fujifilm GFX-Serie oder von Hasselblad zu finden ist. Da der Verschluss hier direkt in der Optik sitzt und sich wie eine Iris öffnet und schliesst, kann er bei jeder beliebigen Verschlusszeit synchronisieren, ohne auf HSS zurückgreifen zu müssen – und das bei voller Blitzleistung.

Wie viel Power verliert man im HSS-Modus wirklich und wie kompensiert man das?

Die grösste Einschränkung von HSS ist ein signifikanter Leistungsverlust. Das Umwandeln eines einzelnen, starken Blitzes in ein gepulstes „Dauerlicht“ ist extrem energieintensiv. Man kann sich das wie das Verteilen eines Eimers Wasser vorstellen: Entweder man schüttet alles auf einmal aus (normaler Blitz) oder man verteilt es über eine längere Zeit mit einer Giesskanne (HSS). Die Gesamtmenge an Licht, die auf den Sensor trifft, ist im HSS-Modus drastisch reduziert. Als Faustregel gilt eine klare physikalische Gesetzmässigkeit: Jede Verdopplung der Verschlusszeit über die Synchronzeit bedeutet -1 Blendenstufe Lichtverlust. Bei einer Synchronzeit von 1/200s bedeutet das:

  • 1/400s: -1 EV (50 % Leistungsverlust)
  • 1/800s: -2 EV (75 % Leistungsverlust)
  • 1/1600s: -3 EV (87,5 % Leistungsverlust)

Dieses Energie-Budget ist der entscheidende Faktor für die Outdoor-Fotografie. Ein kleiner Aufsteckblitz mit 70 Wattsekunden (Ws) hat bei 1/2000s kaum noch genug Kraft, um sich gegen die Sonne durchzusetzen, besonders wenn das Licht durch eine Softbox weiter gestreut wird. Die Kompensation erfolgt daher primär durch pure Kraft. Ein leistungsstarker Akkugenerator mit 400Ws oder mehr hat auch nach dem HSS-Verlust noch genügend Reserven.

Die folgende Tabelle verdeutlicht den dramatischen Unterschied in der Praxis und zeigt, warum für ambitionierte Outdoor-Porträts oft kein Weg an einem starken Blitzgerät vorbeiführt.

Vergleich der HSS-Reichweite: Aufsteckblitz vs. Akkugenerator
Blitztyp Leistung (Ws) HSS-Reichweite bei 1/2000s Praxistauglichkeit
70Ws Aufsteckblitz 70 2-3 Meter Nur Nahbereich
400Ws Akkugenerator 400 8-10 Meter Portraits outdoor
2400Ws Studioblitz 2400 15-20 Meter Fashion/Sport

Weitere Kompensationsstrategien sind, den Blitz näher am Model zu positionieren oder die ISO-Empfindlichkeit zu erhöhen, was jedoch wieder das Umgebungslicht heller macht und den ursprünglichen Zweck konterkariert. Die effektivste Methode ist und bleibt ein leistungsstärkerer Blitz.

HSS oder kurze Abbrennzeit: Was ist schärfer bei extrem schnellen Bewegungen?

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass die extrem kurze Verschlusszeit im HSS-Modus (z.B. 1/4000s) auch Bewegungen perfekt einfriert. Das ist physikalisch nicht korrekt. Im HSS-Modus wird das Bild durch das Umgebungslicht und den Blitz *während der gesamten Dauer der Verschlussbewegung* belichtet. Die Bewegung wird also durch die Verschlusszeit eingefroren, nicht durch den Blitz. Bei sehr schnellen Objekten kann dies sogar zu Unschärfe oder Rolling-Shutter-Effekten führen. Ein praktischer Test mit einem schnell drehenden Ventilatorblatt zeigt dies eindrucksvoll: Im HSS-Modus erscheint das Blatt unscharf und verzerrt.

Die wahre Magie des Bewegungs-Einfrierens liegt in der kurzen Abbrennzeit des Blitzes im normalen Modus (also unterhalb der Synchronzeit). Wenn die Umgebung dunkel ist und der Blitz die einzige Lichtquelle darstellt, ist nicht die Verschlusszeit der Kamera für die Schärfe verantwortlich, sondern die Dauer des Blitzimpulses selbst. Moderne Blitze erreichen bei reduzierter Leistung (z.B. 1/64 oder 1/128) extrem kurze Abbrennzeiten von 1/10.000s oder noch kürzer. Diese ultra-kurze Lichtdusche friert selbst schnellste Bewegungen ein, wie Wassertropfen oder einen platzenden Ballon. Der Experte Oliver Wende fasst es treffend zusammen, wie seine Blitzmessungen auf Fotopraxis.net belegen:

HSS taugt zum Einfrieren schneller Vorgänge nur bedingt. Für kleine Splashes, Gewehrkugeln oder Kolibriflügel funktioniert ein einzelner Blitzimpuls auf kleiner Leistung besser.

– Oliver Wende, Fotopraxis.net Blitzmessungen

Für den Porträtfotografen bedeutet das: Wollen Sie eine Tänzerin im Sprung gestochen scharf abbilden, ist eine Technik mit kurzer Abbrennzeit in einer kontrollierten (dunkleren) Umgebung oft überlegen. HSS ist das Werkzeug, um das Umgebungslicht zu kontrollieren, nicht primär, um Bewegung einzufrieren. Dieser subtile, aber entscheidende Unterschied ist der Schlüssel zu technischer Perfektion.

Wann ist ein ND-Filter die bessere Wahl als HSS, um Energie zu sparen?

Der Neutraldichtefilter (ND-Filter) ist die klassische Alternative zu HSS. Er ist im Grunde eine Sonnenbrille für Ihr Objektiv, die die Lichtmenge reduziert, die auf den Sensor trifft. Dies zwingt die Kamera zu längeren Verschlusszeiten, um eine korrekte Belichtung zu erreichen. So können Sie auch bei praller Sonne unterhalb Ihrer Blitzsynchronzeit (z.B. bei 1/200s) bleiben. Der entscheidende Vorteil: Der Blitz kann im normalen, leistungsstärksten Modus feuern, ohne Energie im HSS-Betrieb zu verschwenden.

Die Wahl zwischen HSS und ND-Filter ist ein kreativer Kompromiss, der von der Situation abhängt. Ein ND-Filter ist oft die bessere Wahl, wenn:

  • Sie maximale Blitzleistung benötigen: Für grosse Lichtformer oder wenn der Blitz weit vom Model entfernt ist, liefert der ND-Filter die nötigen Leistungsreserven.
  • Sie lange Blitzfolgen schiessen: Da der Blitz nicht an seiner Leistungsgrenze arbeitet, sind die Ladezeiten kürzer und die Gefahr der Überhitzung ist minimal.
  • Das Motiv statisch ist: Bei einem ruhigen Porträt spielt die längere Verschlusszeit keine Rolle für die Bewegungsschärfe.

HSS ist hingegen überlegen, wenn die Verschlusszeit selbst ein kreatives Werkzeug sein muss, um schnelle Bewegungen des Models einzufrieren. Die fortschrittlichste Technik kombiniert sogar beides: Ein schwacher ND-Filter (z.B. ND8) wird verwendet, um die Verschlusszeit gerade so weit zu senken, dass der HSS-Leistungsverlust minimal ist. Wie Praxistests zeigen, kann ein ND8-Filter (3 Blenden) eine Verschlusszeit von 1/4000s auf 1/500s reduzieren, wodurch der HSS-Modus mit nur -1.5 EV Verlust statt -4 EV arbeiten muss – ein gewaltiger Effizienzgewinn!

Ihr Aktionsplan: Audit der Aufnahmesituation

  1. Punkte der Lichtkontrolle: Identifizieren Sie alle Lichtquellen. Ist das Umgebungslicht das Hauptproblem oder die Bewegung des Models?
  2. Inventur der Werkzeuge: Welche Blitzleistung (Ws) steht zur Verfügung? Haben Sie ND-Filter (welche Stärke) im Gepäck?
  3. Abgleich mit der Vision: Soll die Bewegung eingefroren (kurze Verschlusszeit/HSS) oder dynamisch (lange Verschlusszeit/ND) wirken? Ist maximale Schärfe (kurze Abbrennzeit) wichtiger als Bokeh?
  4. Analyse des Energie-Budgets: Wie viel Leistungsverlust durch HSS können Sie sich leisten? Ist der Blitz nah genug oder benötigen Sie die volle Leistung, die nur ein ND-Filter ermöglicht?
  5. Strategie festlegen: Wählen Sie HSS, ND oder eine Kombination und führen Sie einen Testschuss durch, um die Balance zwischen Umgebungslicht, Blitzlicht und Bewegung zu überprüfen.

Worauf muss man achten, damit Kamera und Blitz im HSS-Modus kommunizieren?

Die beste Technik nützt nichts, wenn die Geräte nicht miteinander sprechen. HSS erfordert eine präzise und schnelle Kommunikation zwischen Kamera und Blitz, die in der Regel über einen proprietären Funk- oder Infrarot-Trigger erfolgt. Hierbei handelt es sich um ein geschlossenes System-Denken: Kamera, Blitz und Auslöser müssen vom selben Hersteller oder zumindest voll kompatibel sein. Ein Canon-Blitz wird im HSS-Modus nicht ohne Weiteres mit einer Nikon-Kamera funktionieren.

Drei Punkte sind für eine reibungslose Kommunikation entscheidend:

  1. Kompatibilität des Systems: Stellen Sie sicher, dass Ihr Blitzauslöser und Ihr Blitzgerät explizit HSS (bei Canon, Godox etc.) oder FP-Sync (bei Nikon) für Ihr Kameramodell unterstützen. Hersteller wie Profoto bieten mit ihrem Air-System ein geschlossenes Ökosystem, das eine nahtlose Kommunikation über grosse Distanzen sicherstellt und sogar Firmware-Updates per App ermöglicht.
  2. Aktuelle Firmware: Dies ist ein oft übersehener, aber kritischer Punkt. Sowohl die Kamera als auch der Blitz und der Trigger sollten immer die neueste Firmware installiert haben. Wie die Technik-Redaktion von Rollei betont, verbessern oder ermöglichen Updates oft erst die HSS-Kompatibilität und -Stabilität. Eine veraltete Firmware ist eine häufige Fehlerquelle für Kommunikationsprobleme.
  3. Korrekte Kameraeinstellungen: HSS muss oft sowohl im Kameramenü (unter Blitzeinstellungen) als auch am Blitzauslöser selbst aktiviert werden. Überprüfen Sie beide Menüs, um sicherzustellen, dass die Funktion eingeschaltet ist.

Betrachten Sie Ihr Setup nicht als einzelne Komponenten, sondern als ein zusammenhängendes System. Wenn ein Teil nicht mit den anderen harmoniert, wird die Kette brechen. Investieren Sie in ein zuverlässiges und kompatibles Funksystem – es ist das Nervensystem Ihres gesamten Licht-Setups und die Grundlage für experimentelle Fotografie unter anspruchsvollen Bedingungen.

Der Balanceakt zwischen Verschlusszeit und ISO bei tanzenden Menschen

Sobald man die Grundlagen von HSS beherrscht, kann man anfangen, die Regeln kreativ zu brechen. Eine faszinierende Technik ist das sogenannte „Dragging the Shutter“ (den Verschluss ziehen), bei der man HSS mit einer absichtlich längeren Verschlusszeit kombiniert, um Bewegung und Statik in einem Bild zu vereinen. Das Ziel ist es hier nicht, das Umgebungslicht komplett auszublenden, sondern es als kreatives Element zu nutzen.

Stellen Sie sich eine Tänzerin vor, die sich in einem abendlichen Ambiente bewegt. Man wählt eine relativ lange Verschlusszeit, z.B. 1/30s, die ausreichen würde, um die Bewegung der Umgebung und der Tänzerin als dynamische Streifen und Wischeffekte einzufangen. Gleichzeitig wird über HSS ein Blitz gezündet. Dieser kurze Lichtimpuls (auch wenn er im HSS-Modus „gepulst“ ist) friert die Tänzerin für einen Moment gestochen scharf ein. Das Ergebnis ist ein surreales Bild: ein scharfes Abbild des Models, umgeben von den Geistern seiner eigenen Bewegung. Ein Mehl-Shooting ist ein perfektes Beispiel, bei dem diese Technik das fliegende Mehl als dynamische Streifen zeichnet, während der Tänzer scharf bleibt.

Der ISO-Wert spielt hier die Rolle des Reglers für das Umgebungslicht. Er bestimmt, wie stark die Bewegungsunschärfe im Verhältnis zum eingefrorenen Blitzanteil sichtbar ist:

  • ISO 100-400: Das Blitzlicht dominiert. Das Model wird sehr scharf, die Bewegungsunschärfe ist dezent.
  • ISO 800-1600: Eine ausgewogene Balance. Blitz und Umgebungslicht sind etwa gleich stark, was zu einer sichtbaren, aber kontrollierten Dynamik führt.
  • ISO 3200+: Das Umgebungslicht dominiert. Der Blitz setzt nur noch einen Akzent, während die Bewegungsunschärfe den Bildeindruck bestimmt.

Dieser kreative Balanceakt zeigt, dass technisches Verständnis nicht nur der Problemlösung dient, sondern vor allem neue gestalterische Türen öffnet. Man nutzt HSS nicht, um eine Regel (die Synchronzeit) zu umgehen, sondern um eine andere (lange Belichtung bei Blitz) bewusst zu ermöglichen.

Generator oder Steckdose: Was bietet mehr Power für Outdoor-Fashion-Shoots?

Die Frage im Titel ist für Outdoor-Shootings rhetorisch – die Steckdose bleibt im Studio. Der wahre Kampf findet zwischen dem kleinen, handlichen Aufsteckblitz und dem schweren, aber ungleich mächtigeren Akkugenerator statt. Wie wir gesehen haben, ist das Energie-Budget im HSS-Modus der limitierende Faktor. Für anspruchsvolle Fashion- oder Sport-Shootings unter freiem Himmel, bei denen die Sonne unterdrückt und grosse Lichtformer wie Octaboxen oder Beauty Dishes verwendet werden sollen, führt kaum ein Weg an einem Generator vorbei.

Ein Aufsteckblitz mit 70Ws hat schlicht nicht die rohe Kraft, um nach den enormen Leistungsverlusten durch HSS (-3 EV bei 1/1600s) noch genügend Licht abzugeben. Die effektive Leistung sinkt auf unter 10Ws – zu wenig, um gegen die Sonne anzukommen. Ein 400Ws Akkugenerator hingegen liefert selbst nach Abzug des HSS-Verlusts noch effektive 50Ws, was oft ausreicht, um das Model dominant auszuleuchten.

Doch es geht nicht nur um die Spitzenleistung. Akkugeneratoren sind für den Dauereinsatz konzipiert. Ihre Blitzfolgezeiten sind auch im HSS-Modus kurz (oft unter 2 Sekunden), und sie verfügen über aktive Kühlsysteme, die eine Überhitzung verhindern. Ein Aufsteckblitz gerät nach 20-30 HSS-Aufnahmen in Folge schnell an seine thermischen Grenzen, was zu längeren Ladezeiten, unregelmässiger Leistung und sogar Farbtemperaturschwankungen führt. Ein professionelles Shooting erfordert Konsistenz und Zuverlässigkeit, die nur ein dediziertes Power-Pack bieten kann. Der folgende Vergleich, basierend auf einer Analyse von DOCMA.info, macht die Unterschiede deutlich:

Akkugenerator vs. Aufsteckblitz im HSS-Einsatz
Kriterium 400Ws Generator (z.B. Profoto B1) Aufsteckblitz (70Ws)
Rohleistung 400 Wattsekunden 70 Wattsekunden
Nach HSS -3 Blenden ≈50Ws effektiv ≈9Ws effektiv
Blitzfolgezeit bei HSS 0.9-1.9 Sekunden 3-8 Sekunden
Überhitzungsrisiko Minimal Hoch nach 20-30 Aufnahmen
Farbtemperatur-Stabilität ±100K ±500-800K bei Überhitzung

Für den ambitionierten Fotografen ist die Investition in einen Akkugenerator daher kein Luxus, sondern eine logische Konsequenz aus den physikalischen Gegebenheiten der HSS-Technologie. Es ist die Anschaffung von Zuverlässigkeit und kreativer Freiheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • HSS ist ein energieintensives „Dauerlicht“, das die Kontrolle über das Umgebungslicht ermöglicht, aber massiv an Blitzleistung kostet.
  • Zum Einfrieren von Bewegung ist eine kurze Blitz-Abbrennzeit (im Normalmodus bei geringer Leistung) der HSS-Technik überlegen.
  • ND-Filter sind die energieeffiziente Alternative, wenn maximale Blitzleistung benötigt wird und das Motiv statisch ist. Eine Kombination aus beidem ist eine Profi-Technik.

Wie beeinflusst die Abbrennzeit (t0.1) die Schärfe bei springenden Models?

Wir kehren zu einem der wichtigsten Konzepte für die Action-Fotografie zurück: der Abbrennzeit. Während HSS die Verschlusszeit als Werkzeug nutzt, um die Belichtung zu steuern, ist die Abbrennzeit die physikalische Eigenschaft, die für das ultimative Bewegungs-Einfrieren verantwortlich ist. Sie wird oft mit t0.1 oder t0.5 angegeben – der Zeit, die der Blitz benötigt, um auf 10 % bzw. 50 % seiner Spitzenhelligkeit abzufallen. Für das Einfrieren von Bewegung ist der t0.1-Wert entscheidend.

Moderne High-End-Blitzgeneratoren, insbesondere solche mit einem „Freeze“-Modus, sind darauf optimiert, bei reduzierter Leistung extrem kurze Abbrennzeiten zu erreichen. Im Gegensatz zu HSS findet dies im normalen Synchronisationsmodus statt und erfordert eine dunkle Umgebung, damit der Blitz die dominante Lichtquelle ist. Der Vorteil: Die Bewegung wird mit einer Präzision eingefroren, die HSS niemals erreichen kann.

Fallstudie: Der Profoto Pro-10

Der Profoto Pro-10 gilt als einer der schnellsten Studioblitze der Welt. Im speziellen Freeze-Modus erreicht er eine Abbrennzeit (t0.1) von bis zu 1/80.000 Sekunde. Praktische Tests zeigen, dass selbst zerstäubtes Wasser oder explodierendes Pulver mit einer Detailzeichnung und Schärfe eingefangen werden, die physikalisch atemberaubend ist. Der Kompromiss: Diese extreme Geschwindigkeit wird nur bei sehr niedriger Leistung von etwa 2.4Ws erreicht, obwohl der Blitz eine maximale Leistung von 2400Ws hat. Um dies zu kompensieren, muss der Fotograf die Blende weiter öffnen, die ISO erhöhen oder den Blitz extrem nah am Geschehen positionieren.

Für den Porträtfotografen, der ein springendes Model fotografiert, lautet die strategische Entscheidung also: 1. Helles Umgebungslicht und offene Blende? Der Griff geht zu HSS. Man akzeptiert eine gewisse Bewegungsunschärfe zugunsten der Kontrolle über den Hintergrund. 2. Maximale Schärfe der Bewegung im Fokus? Man muss das Umgebungslicht kontrollieren (z.B. durch Abdunkeln oder Warten auf den Abend), unterhalb der Synchronzeit bleiben und den Blitz im Freeze-Modus oder bei niedriger Leistung nutzen, um die kurze Abbrennzeit als Werkzeug einzusetzen.

Das Meistern der Fotografie gegen die Mittagssonne bedeutet, diese beiden Welten zu verstehen und bewusst zu wählen, welcher Kompromiss – etwas weniger Schärfe bei HSS oder weniger Umgebungslicht bei kurzer Abbrennzeit – der eigenen kreativen Vision am besten dient.

Die ultimative Kontrolle über Bewegungsschärfe erfordert ein tiefes Verständnis dafür, wie die Abbrennzeit des Blitzes funktioniert.

Jetzt, da Sie die physikalischen Prinzipien und die strategischen Kompromisse kennen, ist der nächste Schritt, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen. Gehen Sie raus, experimentieren Sie mit HSS, ND-Filtern und den Leistungseinstellungen Ihres Blitzes, und beginnen Sie, das Licht nicht als Gegner, sondern als formbare Materie zu betrachten.

Geschrieben von Matthias Lehnert, Meister für Fotografie spezialisiert auf Produktfotografie, High-End-Repro und Fine-Art-Printing. Zertifizierter Color-Management-Experte.