
Fotografische Meisterschaft entsteht nicht durch maximale Flexibilität, sondern durch bewusste Einschränkung und visuelle Disziplin.
- Die extreme Lichtstärke einer Festbrennweite ermöglicht eine kreative Bildgestaltung (3D-Effekt, Bokeh), die mit Zooms unerreichbar ist.
- Die feste Brennweite zwingt zur aktiven Bewegung und schult das Auge für Perspektive und Komposition, anstatt passiv am Zoomring zu drehen.
Empfehlung: Legen Sie Ihr Zoom-Objektiv für einen Monat beiseite. Fotografieren Sie ausschliesslich mit einer 35mm- oder 50mm-Festbrennweite, um Ihr kompositorisches Sehen fundamental zu schärfen.
In der Fotografie herrscht oft der Glaube, dass Vielseitigkeit der Schlüssel zum Erfolg ist. Zoom-Objektive, die von Weitwinkel bis Tele alles abdecken, scheinen die logische Wahl zu sein, um für jede Situation gewappnet zu sein. Sie versprechen, keinen Moment zu verpassen. Doch was, wenn genau diese vermeintliche Freiheit die kreative Entwicklung hemmt? Was, wenn die wahre Meisterschaft nicht in der unendlichen Auswahl, sondern in der bewussten Reduktion liegt?
Die Entscheidung für eine Festbrennweite ist mehr als eine technische Wahl; es ist eine philosophische. Es ist die Entscheidung, die Kontrolle über die Komposition zurückzugewinnen, anstatt sie der Bequemlichkeit des Zooms zu überlassen. Während ein Zoom-Objektiv den Bildausschnitt verändert, zwingt eine Festbrennweite den Fotografen, seine Position und damit seine Perspektive zu ändern. Dieser subtile, aber entscheidende Unterschied ist der Ausgangspunkt für eine tiefere Auseinandersetzung mit der Bildgestaltung. Es geht darum, die fotografische Absicht vor den technischen Möglichkeiten zu stellen.
Dieser Artikel geht über die üblichen technischen Vergleiche von Schärfe und Gewicht hinaus. Er beleuchtet, wie die Disziplin, die eine Festbrennweite erfordert, Ihre visuelle Wahrnehmung schult, Ihre kompositorischen Fähigkeiten stärkt und Sie letztendlich zu einem bewussteren und besseren Fotografen macht. Wir werden die kreativen Türen erkunden, die eine grosse Blende öffnet, die Angst vor dem „verpassten“ Motiv überwinden und verstehen, wie die Begrenzung zur grössten Stärke wird.
Bevor wir tief in die optischen Prinzipien von Objektiven eintauchen, bietet dieses Video einen faszinierenden Einblick, wie unterschiedliche Kamerasysteme Farben und Texturen interpretieren. Es ist eine gute Erinnerung daran, dass die finale Bildwirkung aus dem Zusammenspiel von Optik, Sensor und Software entsteht.
Um die Transformation von einem reaktiven zu einem intentionalen Fotografen zu verstehen, werden wir die fundamentalen Aspekte beleuchten, die Festbrennweiten so wirkungsvoll machen. Dieser Leitfaden strukturiert den Weg von der technischen Möglichkeit zur künstlerischen Vision.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zur fotografischen Meisterschaft mit Festbrennweiten
- Warum Blende f/1.4 Möglichkeiten eröffnet, die kein Zoom-Objektiv bieten kann?
- Reportage-Weite oder natürlicher Blickwinkel: Welches Objektiv sollte Ihr erstes sein?
- Wie verändert die Bewegung im Raum Ihre Komposition radikal?
- Die Angst, den Ausschnitt nicht ändern zu können, und wie man sie überwindet
- Wann liefern Festbrennweiten bis in die Ecken mehr Details als High-End-Zooms?
- Wie wendet man den Goldenen Schnitt bei Porträts an, ohne das Spontanität verloren geht?
- Warum die Anzahl der Lamellen über die Form der Lichtpunkte entscheidet?
- Wie lenkt man den Blick des Betrachters in weniger als 3 Sekunden gezielt auf das Hauptmotiv?
Warum Blende f/1.4 Möglichkeiten eröffnet, die kein Zoom-Objektiv bieten kann?
Der offensichtlichste Vorteil einer Festbrennweite ist ihre Lichtstärke. Eine Blende von f/1.4 oder f/1.8 ist mehr als nur ein technischer Wert für Aufnahmen bei schlechten Lichtverhältnissen. Sie ist ein fundamentales Werkzeug der kreativen Gestaltung. Im Vergleich zu einem typischen Kit-Zoomobjektiv (f/3.5-5.6) oder sogar einem Profi-Zoom (f/2.8) lassen Festbrennweiten mit f/1.4 bis zu achtmal mehr Licht auf den Sensor. Dieser enorme Unterschied ermöglicht nicht nur kürzere Verschlusszeiten und damit schärfere Bilder aus der Hand, sondern eröffnet eine neue Dimension der Bildsprache.
Die geringe Schärfentiefe bei Offenblende ist das mächtigste Instrument zur Subjektisolierung. Ein Motiv wird präzise vom Hintergrund getrennt, der in eine cremige Unschärfe, das sogenannte Bokeh, übergeht. Dies schafft einen fast dreidimensionalen Eindruck, den „3D-Pop-Effekt“, der den Blick des Betrachters unweigerlich auf das Wesentliche lenkt. Darüber hinaus ergeben sich handfeste technische Vorteile:
- Niedrigere ISO-Werte: Bei f/1.4 kann der ISO-Wert oft um zwei bis drei Stufen niedriger gehalten werden als bei f/2.8, was zu sichtbar rauschärmeren und detailreicheren Bildern führt.
- Präziserer Autofokus: Mehr Licht, das den Sensor erreicht, hilft dem Autofokussystem der Kamera, auch bei Dämmerung schnell und zuverlässig zu fokussieren.
- Ästhetische Qualität: Die Qualität des Bokehs, charakterisiert durch weiche, runde Unschärfekreise, ist bei hochwertigen Festbrennweiten oft deutlich harmonischer als bei Zooms.
Die grosse Blendenöffnung ist somit kein reines Low-Light-Feature, sondern das primäre Werkzeug, um eine Szene zu dekonstruieren und den Fokus visuell zu steuern. Sie gibt dem Fotografen die Macht, zu entscheiden, was wichtig ist und was zur reinen Atmosphäre wird.
Reportage-Weite oder natürlicher Blickwinkel: Welches Objektiv sollte Ihr erstes sein?
Die Wahl der ersten Festbrennweite ist oft eine Grundsatzentscheidung zwischen 35mm und 50mm. Diese Entscheidung definiert die „Weltanschauung“ des Fotografen. Das 50mm-Objektiv wird oft als „Normalobjektiv“ bezeichnet, da seine Perspektive und sein Bildfeld ungefähr dem des menschlichen Auges entsprechen. Es erzeugt eine natürliche, beobachtende Distanz und eignet sich hervorragend für Porträts und eine ruhige, dokumentarische Fotografie. Das 35mm-Objektiv hingegen bietet einen weiteren Blickwinkel, der den Betrachter stärker ins Geschehen einbezieht. Es ist die klassische Brennweite der Reportage- und Strassenfotografie, die Kontext und Umgebung mit einfängt.

Diese philosophische Differenz wird durch die Geschichte der Fotografie untermauert. Der legendäre Fotograf Henri Cartier-Bresson, Meister des „entscheidenden Augenblicks“, nutzte fast ausschliesslich ein 50mm-Objektiv. Seine Bilder zeichnen sich durch eine perfekte Komposition und eine fast unsichtbare, beobachtende Präsenz aus. Im Gegensatz dazu bevorzugte der Kriegsfotograf Robert Capa die 35mm-Brennweite, um die Nähe und Dramatik des Geschehens zu vermitteln – getreu seinem Motto: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“
Wie der Fotograf Stephan Forstmann treffend formuliert, bestimmt diese Wahl die Herangehensweise fundamental:
Die ‚Weltanschauung‘ der Brennweite: 35mm als ‚Ich bin dabei‘-Erzähler vs. 50mm als ‚Ich beobachte‘-Perspektive bestimmt die philosophische Herangehensweise des Fotografen.
– Stephan Forstmann, Festbrennweite oder Zoomobjektiv: Vorteile, Nachteile, Unterschiede
Die Entscheidung für 35mm oder 50mm ist also keine Frage von „besser“ oder „schlechter“, sondern die Wahl der eigenen erzählerischen Stimme. Es ist der erste Schritt zur Entwicklung einer konsistenten Bildsprache.
Wie verändert die Bewegung im Raum Ihre Komposition radikal?
Der häufigste Rat an Nutzer von Festbrennweiten lautet: „Benutze deine Füsse zum Zoomen.“ Diese Aussage ist zwar korrekt, greift aber zu kurz. Es geht nicht darum, das Fehlen eines Zoomrings zu kompensieren. Es geht um die bewusste Kontrolle über die perspektivische Kompression – die Art und Weise, wie sich die Grössenverhältnisse zwischen Vorder- und Hintergrund verändern, wenn Sie Ihre Position ändern. Ein Zoomobjektiv verändert nur den Bildausschnitt, während die Perspektive vom Standpunkt des Fotografen unverändert bleibt. Eine Festbrennweite zwingt Sie, diesen Standpunkt aktiv zu gestalten.
Wenn Sie sich einem Motiv nähern, um es grösser abzubilden, wird der Hintergrund relativ kleiner und scheint weiter entfernt. Gehen Sie zurück und beschneiden das Bild später, bleibt der Hintergrund präsenter. Diese bewusste Steuerung von Nähe und Distanz ist ein mächtiges kompositorisches Werkzeug. Studien zeigen, dass jeder Meter Abstand zum Motiv die Grössenverhältnisse zwischen Vorder- und Hintergrund um bis zu 20% verändern kann. Anstatt faul am Zoomring zu drehen, lernen Sie, den Raum als aktiven Teil Ihrer Komposition zu nutzen und die Beziehung der Elemente zueinander zu formen.
Die Wahl des Aufnahmeabstands hat eine direkte Auswirkung auf die emotionale Wirkung eines Bildes. Die folgende Tabelle fasst die unterschiedlichen Effekte zusammen:
| Abstand | Bildwirkung | Perspektive | Einsatzbereich |
|---|---|---|---|
| Nah (0,5-2m) | Intim, involviert | Starke Verzerrung | Porträts, Details |
| Mittel (2-5m) | Natürlich | Ausgewogen | Reportage |
| Fern (>5m) | Beobachtend | Komprimiert | Dokumentation |
Das Arbeiten mit einer Festbrennweite schult somit ein tiefes räumliches Bewusstsein. Sie beginnen, nicht nur in Motiven, sondern in Szenen und Beziehungen zu denken. Jeder Schritt vor, zurück oder zur Seite ist eine bewusste kompositorische Entscheidung, die die gesamte Bildaussage verändert.
Die Angst, den Ausschnitt nicht ändern zu können, und wie man sie überwindet
Die grösste Hürde für viele Fotografen, die den Wechsel zur Festbrennweite erwägen, ist die „Fear Of Missing Out“ (FOMO) – die Angst, ein Motiv zu verpassen, weil man nicht schnell genug zoomen kann. Diese Angst ist verständlich, basiert aber auf der Annahme, dass Fotografie reaktiv ist. Eine Festbrennweite lehrt einen proaktiven, intentionalen Ansatz. Anstatt auf eine Szene zu reagieren und den passenden Ausschnitt zu suchen, lernen Sie, den richtigen Standpunkt für Ihre gewählte Brennweite zu antizipieren.
Diese Einschränkung ist in Wahrheit eine Befreiung von der Qual der Wahl. Sie müssen nicht mehr überlegen, welche Brennweite die „richtige“ ist. Stattdessen konzentrieren Sie Ihre gesamte mentale Energie auf Licht, Komposition und den Moment. Wie der Fotograf Markus Thoma treffend feststellt, ist diese Begrenzung ein Katalysator für Kreativität.
Die Einschränkung der Festbrennweite zwingt den Fotografen dazu, kreativer zu denken und bessere Positionen zu suchen, anstatt faul zu zoomen.
– Markus Thoma, Festbrennweite: Schöner Look und 8 Vorteile gegenüber Zooms
Die Überwindung dieser anfänglichen Angst ist ein Trainingsprozess, der die Fähigkeit zur Pre-Visualisierung schärft – die Fähigkeit, das fertige Bild im Kopf zu sehen, bevor man die Kamera ans Auge hebt. Mit der Zeit entwickeln Sie ein intuitives Gefühl für den Bildausschnitt Ihrer Brennweite. Sie wissen genau, wie viele Schritte Sie machen müssen, um einen Ganzkörper-Shot in ein Porträt zu verwandeln.
Ihr Aktionsplan: Die Angst vor dem festen Bildausschnitt überwinden
- Eine Woche, eine Brennweite: Fotografieren Sie eine ganze Woche lang ausschliesslich mit Ihrer Festbrennweite. Zwingen Sie sich, Lösungen zu finden.
- Mentale Visualisierung: Bevor Sie die Kamera anheben, versuchen Sie, den Bildausschnitt mental zu „rahmen“. Vergleichen Sie dann das Ergebnis mit Ihrer Vorstellung.
- Zoom-Fixierung: Kleben Sie Ihr Zoom-Objektiv mit Klebeband auf eine einzige Brennweite (z.B. 35mm oder 50mm) und verstellen Sie es eine Woche lang nicht.
- Motive für die Brennweite suchen: Suchen Sie bewusst nach Szenen und Motiven, die perfekt zu Ihrer gewählten Brennweite passen, anstatt zu versuchen, jedes Motiv „passend“ zu machen.
- Cropping als Werkzeug: Akzeptieren Sie das Zuschneiden in der Nachbearbeitung nicht als Notlösung, sondern als bewussten letzten Schritt der Komposition.
Wann liefern Festbrennweiten bis in die Ecken mehr Details als High-End-Zooms?
Das Argument der überlegenen Schärfe von Festbrennweiten muss differenziert betrachtet werden. Moderne High-End-Zoomobjektive haben eine erstaunliche optische Qualität erreicht und sind für die meisten Anwendungen im Bildzentrum kaum von einer Festbrennweite zu unterscheiden. Der entscheidende Unterschied zeigt sich jedoch unter anspruchsvollen Bedingungen: bei Offenblende und in den Bildecken. Während viele Zooms bei voller Öffnung an den Rändern an Kontrast und Schärfe verlieren, sind Festbrennweiten so konstruiert, dass sie ihre maximale Leistung bereits bei Offenblende erbringen.
Die einfachere optische Konstruktion mit weniger Linsengruppen reduziert die Anfälligkeit für Abbildungsfehler wie chromatische Aberrationen (Farbsäume) und Verzeichnung. Insbesondere die Randschärfe ist ein Bereich, in dem Festbrennweiten glänzen. Aktuelle Tests zeigen, dass moderne Festbrennweiten bereits bei Offenblende über 95% ihrer maximalen Schärfe bis in die Bildecken erreichen. Dies ist besonders wichtig für Genres wie Architektur-, Landschafts- und Astrofotografie, bei denen Details über das gesamte Bildfeld entscheidend sind.
Fallbeispiel: Astrofotografie
In der Astrofotografie werden die optischen Grenzen eines Objektivs gnadenlos aufgedeckt. Hier ist es entscheidend, dass Sterne auch in den äussersten Bildecken als scharfe Lichtpunkte und nicht als verzogene, kometenähnliche Flecken (Koma-Aberration) abgebildet werden. Eine Festbrennweite wie das Canon RF 85mm f/1.2 L USM zeigt selbst bei Offenblende eine punktförmige Sternabbildung bis an den Rand. Ein High-End-Zoom wie das RF 70-200mm f/2.8 L IS USM, obwohl exzellent, zeigt bei vergleichbaren Aufnahmen leichte, aber sichtbare Koma-Fehler in den Ecken. Für anspruchsvolle Astrofotografen ist die Festbrennweite daher oft die kompromisslose Wahl.
Für den Alltagsgebrauch mag dieser Unterschied marginal erscheinen. Doch für Fotografen, die nach technischer Perfektion streben oder grossformatige Drucke erstellen, bietet die kompromisslose Abbildungsleistung einer Festbrennweite die entscheidenden Reserven. Es ist die Gewissheit, das optisch maximal Mögliche aus einer Szene herausgeholt zu haben.
Wie wendet man den Goldenen Schnitt bei Porträts an, ohne das Spontanität verloren geht?
Die Arbeit mit einer Festbrennweite fördert eine intuitive Beherrschung von Kompositionsregeln wie der Drittel-Regel oder dem anspruchsvolleren Goldenen Schnitt. Da der Bildausschnitt konstant bleibt, lernt das Auge, den Rahmen zu „fühlen“ und wichtige Elemente instinktiv auf den Kraftlinien und Schnittpunkten zu platzieren. Man entwickelt eine Art Muskelgedächtnis für Komposition. Anstatt sich auf eingeblendete Gitterlinien zu verlassen, beginnt man, die harmonische Aufteilung einer Szene organisch zu erkennen.
Bei Porträts geht es darum, diese strukturelle Disziplin mit der Spontaneität des Augenblicks zu verbinden. Der Schlüssel liegt darin, die Regel nicht als starres Korsett, sondern als flexible Richtlinie zu sehen. Das Ziel ist nicht, das Auge des Models exakt auf einen Schnittpunkt zu nageln, sondern die allgemeine Balance und den visuellen Fluss des Bildes zu steuern. Platzieren Sie das dominante Auge in der Nähe eines der oberen Schnittpunkte des Goldenen Schnitts, um eine dynamische und ansprechende Komposition zu schaffen. Der Rest des Körpers und die Umgebung können sich dann freier im Raum anordnen.
Spontaneität geht nicht verloren, wenn die Technik zur zweiten Natur wird. Ein Musiker denkt nicht über jeden einzelnen Fingergriff nach, wenn er improvisiert. Genauso lernt ein Fotograf, der konsequent mit einer Brennweite arbeitet, die Komposition intuitiv anzuwenden. Man kann sogar den Raum vorab nach dem Goldenen Schnitt „einrichten“ – eine interessante Tür, eine Lichtkante – und das Model sich dann frei in diesem vorbereiteten Rahmen bewegen lassen. So verbindet sich die geplante Struktur mit dem unvorhersehbaren Moment.
Warum die Anzahl der Lamellen über die Form der Lichtpunkte entscheidet?
Für Puristen der Fotografie liegt die Qualität eines Bildes oft im Detail. Ein solches Detail, das die Ästhetik massgeblich beeinflusst, ist die Charakteristik des Bokehs, insbesondere die Form der unscharfen Lichtpunkte im Hintergrund. Diese Form wird direkt von der Anzahl und der Form der Blendenlamellen des Objektivs bestimmt. Bei Offenblende ist die Öffnung kreisrund, aber sobald man abblendet, um die Schärfentiefe zu erhöhen, formen die Lamellen ein Polygon.
Ein Objektiv mit nur 5 oder 6 Lamellen erzeugt fünfeckige oder sechseckige Lichtpunkte, was oft als unruhig oder „nervös“ empfunden wird und einen gewissen Vintage-Charakter hat. Hochwertige moderne Festbrennweiten verwenden hingegen 9, 11 oder sogar mehr abgerundete Lamellen. Dadurch bleibt die Blendenöffnung auch beim Abblenden nahezu perfekt kreisrund. Das Ergebnis ist ein weicheres, cremigeres Bokeh mit sanften, runden Lichtreflexen, das als ästhetisch ansprechender gilt.
Dieser Aspekt ist ein klares Indiz für die kompromisslose Designphilosophie vieler Festbrennweiten, bei der die Bildqualität oberste Priorität hat. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über den Zusammenhang:
Wie Canon Europe hervorhebt, ist dies ein zentraler Aspekt des Objektivdesigns:
Die Form der Blendenöffnung beim Abblenden bestimmt direkt die Form der Lichtreflexe im Bokeh – mehr abgerundete Lamellen führen zu einem weicheren, angenehmeren Hintergrund.
– Canon Europe, Festbrennweiten- im Vergleich zu Zoomobjektiven
| Lamellenzahl | Bokeh-Form | Sonnensterne | Charakteristik |
|---|---|---|---|
| 5-6 | Pentagon/Hexagon | Stark definiert | Vintage-Look |
| 7-8 | Heptagon/Oktagon | Deutlich | Klassisch |
| 9-11 | Fast kreisrund | Weich | Modern, cremig |
| 12+ | Perfekt kreisrund | Sehr weich | Premium |
Die Anzahl der Lamellen beeinflusst auch die Form der „Sonnensterne“, die entstehen, wenn man gegen eine starke Lichtquelle fotografiert. Weniger Lamellen erzeugen klar definierte, spitze Sterne, während mehr Lamellen weichere, subtilere Sterne erzeugen. Auch hier handelt es sich um eine bewusste ästhetische Entscheidung.
Das Wichtigste in Kürze
- Visuelle Disziplin: Die Einschränkung der Festbrennweite ist kein Manko, sondern ein kreativer Katalysator, der zu bewussterer Komposition zwingt.
- Meister der Perspektive: Statt zu zoomen, lernen Sie, durch Bewegung den Raum und die Beziehung zwischen den Bildelementen aktiv zu gestalten.
- Die Macht der Offenblende: Eine grosse Blende (z.B. f/1.4) ist das ultimative Werkzeug, um Motive zu isolieren und den Blick des Betrachters gezielt zu lenken.
Wie lenkt man den Blick des Betrachters in weniger als 3 Sekunden gezielt auf das Hauptmotiv?
Das ultimative Ziel eines jeden Fotografen ist es, die Aufmerksamkeit des Betrachters zu fesseln und seinen Blick gezielt durch das Bild zu führen. In einer Welt der visuellen Überflutung ist dies die grösste Herausforderung. Festbrennweiten bieten hierfür das wirkungsvollste Instrument: die selektive Schärfe. Durch die extrem geringe Schärfentiefe einer Offenblende von f/1.4 oder f/1.8 wird das Hauptmotiv gestochen scharf abgebildet, während der Rest der Szene in Unschärfe verschwimmt. Dieser hohe Kontrast zwischen Schärfe und Unschärfe wirkt wie ein visueller Magnet.
Wahrnehmungspsychologische Studien untermauern diesen Effekt: Bei geringer Schärfentiefe (f/1.4-f/2) identifiziert das Auge das Hauptmotiv 80% schneller als bei einem Bild mit durchgehender Schärfe von vorne bis hinten. Sie nehmen dem Betrachter die Arbeit ab, die Szene zu analysieren, und präsentieren ihm direkt das, was wichtig ist. Dies ist kein Trick, sondern die Essenz visueller Erzählung.
Die mit einer Festbrennweite erlernte visuelle Disziplin befähigt Sie, mehrere Techniken der Blickführung meisterhaft zu kombinieren:
- Natürliche Vignettierung: Viele Festbrennweiten weisen bei Offenblende eine leichte, natürliche Randabdunklung auf, die den Blick wie ein Rahmen ins Zentrum lenkt.
- Führungslinien: Da Sie sich mehr bewegen, lernen Sie, natürliche Linien in der Umgebung (Wege, Geländer, Architektur) zu erkennen und so zu positionieren, dass sie zum Hauptmotiv führen.
- Farb- und Helligkeitskontrast: Durch die Isolation des Motivs können Sie gezielt mit Kontrasten zwischen dem scharfen, vielleicht hell beleuchteten Motiv und dem unscharfen, dunkleren Hintergrund arbeiten.
Am Ende des Weges mit einer Festbrennweite steht nicht nur die technische Beherrschung des Equipments, sondern die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen und die Emotionen des Betrachters zu steuern. Die Einschränkung wird zur ultimativen kreativen Freiheit.
Legen Sie Ihr Zoom-Objektiv für eine Woche beiseite und wählen Sie eine einzige Festbrennweite. Beobachten Sie, wie sich nicht nur Ihre Bilder, sondern Ihre gesamte fotografische Wahrnehmung verändert. Dies ist der erste, entscheidende Schritt auf dem Weg zur wahren Meisterschaft.
Häufige Fragen zu Festbrennweiten
Warum erleichtert eine Festbrennweite die Anwendung des Goldenen Schnitts?
Mit einer festen Brennweite entwickelt man ein intuitives Gefühl für Bildaufteilung und Proportionen. Man lernt, die Kraftpunkte des Goldenen Schnitts ohne Hilfsgitter zu ’sehen‘, da der Bildausschnitt immer gleich bleibt und das Gehirn sich an den Rahmen gewöhnt.
Wie platziere ich spontan die Augen auf den Schnittpunkten?
Durch konstantes Training mit derselben Brennweite wird die Platzierung zur zweiten Natur. Konzentrieren Sie sich darauf, das dominante Auge der porträtierten Person auf oder in die Nähe eines der oberen Schnittpunkte zu legen; dies wird schnell zu einem Automatismus.
Kann ich den Goldenen Schnitt auch bei Bewegung anwenden?
Ja, indem Sie proaktiv arbeiten. Richten Sie Ihren Bildausschnitt vorher nach dem Goldenen Schnitt aus, indem Sie interessante Linien oder Elemente der Umgebung nutzen. Lassen Sie die Person sich dann frei in diesem vorbereiteten „Bühnenbild“ bewegen und lösen Sie im richtigen Moment aus.