
Der wahre Wert des Mittelformats liegt nicht in der für den Kunden sichtbaren Auflösung, sondern in der drastischen Reduktion von Kompromissen und Post-Production-Aufwand für den Fotografen.
- Ein extremer Dynamikumfang eliminiert die Notwendigkeit komplexer Belichtungsreihen bei glänzenden Oberflächen und verkürzt die Retuschezeit signifikant.
- Die 16-Bit-Farbtiefe der RAW-Dateien bietet eine unerreichte Datenintegrität, die aggressive Farb- und Helligkeitskorrekturen ohne Qualitätsverlust (Banding) ermöglicht.
Empfehlung: Betrachten Sie Mittelformat nicht als reinen Kostenfaktor, sondern als strategische Investition in Effizienz, kreative Freiheit und makellose Endergebnisse, die den Standards von High-End-Kunden gerecht werden.
Jeder Art Director kennt diesen Moment: Die Freigabe für die Plakatwandkampagne steht an, und auf dem Proof in Originalgrösse wird eine winzige Unschärfe, ein kaum wahrnehmbarer Farbsaum oder ein unsauberer Verlauf im Hintergrund sichtbar. Ein Detail, das auf dem Monitor unsichtbar war, wird auf neun Quadratmetern zum unübersehbaren Makel. An diesem Punkt wird die Diskussion über Kamerasysteme nicht mehr in Megapixeln geführt, sondern in der Währung der Kompromisslosigkeit. Die gängige Meinung reduziert das Mittelformat oft auf seine höhere Auflösung und den Preis. Doch das ist eine gefährliche Vereinfachung, die am Kern der Sache vorbeigeht.
Für professionelle Werbefotografen, die für Luxusmarken, Automobilhersteller oder globale Beauty-Konzerne arbeiten, ist der Griff zum Mittelformat keine ästhetische Präferenz. Es ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit zur Eliminierung technischer Kompromisse. Es geht nicht darum, ob der Endkunde auf seinem Smartphone einen Unterschied sieht. Es geht darum, ein perfektes, makelloses Master-Asset zu liefern, das für jede erdenkliche Anwendung – von der 10-Meter-Fassade bis zum Hochglanzmagazin-Cover – ohne Wenn und Aber funktioniert. Die Qualität manifestiert sich nicht in der Pixelzahl, sondern in der Perfektion des Details, der Reinheit der Farben und der Subtilität der Tonwertübergänge.
Doch was, wenn der wahre Vorteil nicht in dem liegt, was die Kamera *mehr* kann, sondern in dem, was der Fotograf *weniger* tun muss? Was, wenn der erweiterte Dynamikumfang die Retuschezeit halbiert oder die Datenintegrität einer 16-Bit-Datei komplexe Beauty-Retuschen erst ermöglicht? Dieser Artikel bricht mit dem Megapixel-Mythos und seziert die strategischen Vorteile des Mittelformats aus der Perspektive des professionellen Workflows. Wir analysieren, wie spezifische technische Eigenschaften konkrete, hochkarätige Produktionsprobleme lösen – von der Kontrolle über physikalische Grenzen bis hin zur Bewältigung gigantischer Datenmengen.
Die folgende Analyse taucht tief in die entscheidenden Aspekte ein, die das Mittelformat zur unangefochtenen Wahl für kompromisslose Qualität machen. Jeder Abschnitt beleuchtet eine spezifische Herausforderung und zeigt auf, wie die überlegene Technologie nicht nur bessere Bilder, sondern einen effizienteren und kontrollierteren kreativen Prozess ermöglicht.
Inhaltsverzeichnis: Mittelformat in der High-End-Werbung – Eine strategische Analyse
- Warum 15 Blendenstufen Dynamik die Retuschezeit bei glänzenden Produkten halbieren?
- Wie kontrolliert man den extrem schmalen Schärfebereich bei grossen Sensoren?
- Leasing oder Rent: Was rechnet sich für 5 Grossproduktionen im Jahr?
- Der Fehler bei der Verschlusszeit, der 100 Megapixel Aufnahmen unscharf wirken lässt
- Wie bewältigt man den Datendurchsatz von 200MB pro Bild beim Tethering ohne Wartezeit?
- Wie schärft man Bilder für den Druck auf mattem Papier, ohne Artefakte zu erzeugen?
- Wie modelliert man Gesichtsformen nur durch Aufhellen und Abdunkeln neu?
- Wie beeinflusst die Abbrennzeit (t0.1) die Schärfe bei springenden Models?
Warum 15 blendenstufen dynamik die retuschezeit bei glänzenden produkten halbieren?
Die Fotografie von hochglänzenden Objekten wie Schmuck, Uhren oder Automobilen ist ein Kampf gegen die Physik der Reflexion. Spitzlichter brennen aus, während tiefe Schatten Details verschlucken. Die herkömmliche Lösung – aufwendige Belichtungsreihen (Bracketing) und stundenlanges, komplexes Maskieren in der Post-Production – ist ein enormer Zeit- und Kostenfaktor. Hier liegt der erste, massive Hebel des Mittelformats: ein radikal erweiterter Dynamikumfang. Moderne Mittelformatsensoren erfassen bis zu 15 Blendenstufen an Informationen in einer einzigen RAW-Datei. Dies bedeutet, dass selbst in extrem kontrastreichen Szenen sowohl in den hellsten Spitzlichtern als auch in den dunkelsten Schattenbereichen noch Zeichnung und Detailinformationen vorhanden sind.
Anstatt mehrere Aufnahmen mühsam zu einer zu kombinieren, kann der Retuscheur aus einer einzigen Datei die Lichter subtil absenken und die Schatten anheben, ohne dass dabei Rauschen, Banding oder unnatürliche Übergänge entstehen. Der Zeitaufwand für das Blending von Belichtungen entfällt fast vollständig. Eine Studie von Peter Schäublin und Christian Habermeier, die Top-Mittelformatkameras testeten, bestätigte, dass dieser Vorteil besonders bei High-End-Mode- und Werbeproduktionen entscheidend ist, wo die Qualität des finalen Prints an erster Stelle steht. Die Fähigkeit, feinste Tonwertabstufungen in kritischen Bereichen zu erhalten, ist kein Luxus, sondern die Grundlage für ein glaubwürdiges und hochwertiges Endergebnis.
Das Resultat ist eine drastische Effizienzsteigerung. Eine Aufgabe, die früher einen halben Tag in der Retusche in Anspruch nahm, kann nun in weniger als einer Stunde erledigt werden. Für ein Studio, das Dutzende solcher Bilder pro Kampagne produziert, bedeutet dies eine direkte und signifikante Kostenersparnis und eine schnellere Time-to-Market. Der Dynamikumfang ist somit kein rein technischer Wert, sondern ein betriebswirtschaftliches Werkzeug zur Optimierung des gesamten Produktions-Workflows.
Wie kontrolliert man den extrem schmalen schärfebereich bei grossen sensoren?
Der grössere Sensor des Mittelformats führt unweigerlich zu einer geringeren Schärfentiefe bei gleicher Blende und gleichem Bildausschnitt im Vergleich zum Vollformat. Was in der Porträtfotografie für ein ästhetisch ansprechendes Bokeh geschätzt wird, wird in der Produktfotografie zur ultimativen Herausforderung. Wenn eine Luxusuhr von vorne bis hinten scharf abgebildet werden soll, reicht selbst das Abblenden auf f/16 oder f/22 oft nicht aus, um die gewünschte Schärfentiefe zu erreichen, ohne in die Beugungsunschärfe zu geraten. Die kompromisslose Lösung für dieses Problem ist eine Technik, die absolute Präzision erfordert: Focus Stacking.
Hierbei werden mehrere Aufnahmen mit minimal verschobenem Fokuspunkt erstellt und anschliessend in einer spezialisierten Software zu einem einzigen, durchgehend scharfen Bild kombiniert. Dieser Prozess erfordert absolute Stabilität und Kontrolle, die nur in einer professionellen Studioumgebung gewährleistet ist. Die folgende Abbildung illustriert die Präzision, die bei dieser Technik erforderlich ist, um auf Makroebene eine vollständige Schärfekontrolle zu erlangen.

Der Fotograf Francesco Gola bringt die Herausforderung auf den Punkt, wenn er seine Erfahrungen mit der Umstellung auf Mittelformat beschreibt:
In der realen Welt beträgt der Unterschied etwa eine Blende. Nur eine. Das bedeutet, dass ich im Durchschnitt, um die gleiche Schärfentiefe zu erreichen, die ich bei f/8 hatte, auf f/11 gehen muss.
– Francesco Gola, Erfahrungsbericht Fujifilm GFX 100S
Diese auf den ersten Blick geringe Differenz hat massive Auswirkungen auf die Lichtgestaltung und die technische Herangehensweise. Die Kontrolle der Schärfeebene wird zu einer bewussten, millimetergenauen Entscheidung, anstatt eines zufälligen Nebeneffekts. Techniken wie die Live-View-Vergrösserung mit Fokus-Peaking sind hierbei keine Hilfsmittel, sondern unabdingbare Werkzeuge für professionelle Ergebnisse.
Leasing oder rent: Was rechnet sich für 5 grossproduktionen im jahr?
Die Anschaffung eines kompletten Mittelformatsystems stellt eine erhebliche Investition dar. Auch wenn laut aktuellem Marktvergleich der Einstieg ins Mittelformat heute weniger als 5.000 Euro kosten kann, summieren sich die Kosten für mehrere Objektive, Zubehör und Software schnell zu einem fünfstelligen Betrag. Für einen Werbefotografen, der eine Handvoll grosser, lukrativer Produktionen pro Jahr durchführt, stellt sich daher die strategische Frage: Kaufen, Leasen oder Mieten? Die Antwort ist keine Frage des Prestiges, sondern eine rein betriebswirtschaftliche Kalkulation, die von der Auftragslage, steuerlichen Aspekten und dem Bedürfnis nach technologischer Flexibilität abhängt.
Jede Option hat spezifische Vor- und Nachteile, die sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen. Der Kauf bietet maximale Verfügbarkeit, ist aber mit hohem Kapitalaufwand und dem Risiko des Wertverlusts verbunden. Die Miete bietet höchste Flexibilität und den Zugriff auf stets neueste Technik, wird aber bei regelmässiger Nutzung schnell zur teuersten Variante. Das Leasing stellt einen Mittelweg dar, der finanzielle Planbarkeit mit steuerlichen Vorteilen kombiniert. Die folgende Tabelle bietet einen vereinfachten Kostenvergleich für ein Szenario mit fünf grossen Produktionen pro Jahr über einen Zeitraum von drei Jahren.
| Kostenart | Kauf (GFX100S II) | Leasing (36 Monate) | Miete (5x pro Jahr) |
|---|---|---|---|
| Anschaffung/Jahr 1 | 5.000€ | 1.800€ | 2.500€ (5x 500€) |
| Kosten über 3 Jahre | 5.000€ + Wartung | 5.400€ | 7.500€ |
| Wertverlust | ca. 40% | Kein Risiko | Kein Risiko |
| Steuerliche Abschreibung | Ja (AfA) | Voll absetzbar | Voll absetzbar |
| Flexibilität | Niedrig | Mittel | Hoch |
Die Entscheidung hängt letztlich vom Geschäftsmodell des Fotografen ab. Wer eine konstante Auslastung mit High-End-Jobs hat und das System als Kern seines Schaffens betrachtet, für den kann sich der Kauf oder das Leasing lohnen. Wer hingegen nur sporadisch die maximale Qualität benötigt und technologisch flexibel bleiben möchte, ist mit der Miete oft besser beraten. Die vollständige steuerliche Absetzbarkeit der Raten macht Leasing und Miete zu attraktiven Alternativen, die die Liquidität schonen.
Der fehler bei der verschlusszeit, der 100 megapixel aufnahmen unscharf wirken lässt
Einer der frustrierendsten Momente für einen Fotografen ist, wenn eine technisch perfekt vorbereitete Aufnahme auf einem 100-Megapixel-Sensor bei der 100%-Ansicht eine unerklärliche Weichheit aufweist – trotz massivem Stativ, Spiegelvorauslösung und Fernauslöser. Die Ursache ist oft ein unsichtbarer Feind: Mikrovibrationen, ausgelöst durch den mechanischen Verschluss der Kamera. Was bei Sensoren mit geringerer Auflösung vernachlässigbar ist, wird bei 100 Megapixeln zu einem sichtbaren Schärfeverlust. Dieses Phänomen ist als „Shutter Shock“ bekannt.
Die alte Faustregel für Freihandaufnahmen, die Verschlusszeit auf den Kehrwert der Brennweite zu setzen (z. B. 1/50s bei 50mm), ist bei hochauflösenden Mittelformatsensoren obsolet. Praxistests zeigen, dass eine neue, konservativere Regel gelten muss: 1 geteilt durch die dreifache Brennweite (z. B. 1/150s bei 50mm). Selbst auf dem Stativ können diese Vibrationen die ultimative Schärfe kompromittieren. Die Kamerahersteller haben darauf mit fortschrittlichen Verschlussmodi reagiert, deren korrekte Anwendung für kompromisslose Schärfe unabdingbar ist. Die visuelle Metapher einer geteilten Aufnahme verdeutlicht den Unterschied zwischen einer von Vibrationen beeinträchtigten und einer makellos scharfen Aufnahme.

Die Lösung liegt in der bewussten Wahl des Verschlussmodus. Der elektronische erste Verschlussvorhang (EFCS) eliminiert die Vibrationen, die beim Öffnen des mechanischen Verschlusses entstehen, und ist ideal für Stativaufnahmen in einem typischen Verschlusszeitenbereich. Für absolute Vibrationsfreiheit, etwa bei kritischen Makroaufnahmen, ist der vollelektronische Verschluss die einzige Wahl. Kamerasysteme mit Zentralverschluss im Objektiv minimieren dieses Problem bauartbedingt, da die sich bewegenden Massen deutlich geringer sind. Die Beherrschung dieser Modi ist keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung, um das Schärfepotenzial eines 100-Megapixel-Sensors überhaupt auszuschöpfen.
Wie bewältigt man den datendurchsatz von 200mb pro bild beim tethering ohne wartezeit?
Eine unkomprimierte 16-Bit-RAW-Datei aus einer 100-Megapixel-Mittelformatkamera kann leicht 200 Megabyte oder mehr an Speicherplatz belegen. In einem professionellen Werbeshooting, bei dem direkt in einen Computer fotografiert wird (Tethering), wird der Datendurchsatz zur kritischen Komponente. Nichts stört den kreativen Fluss mehr als sekundenlange Wartezeiten, bis das Bild auf dem Monitor des Art Directors erscheint. Ein reibungsloser, verzögerungsfreier Workflow ist hier keine Bequemlichkeit, sondern eine absolute Notwendigkeit, um das Tempo einer teuren Produktion aufrechtzuerhalten.
Die Bewältigung dieses Datenstroms erfordert eine optimierte Kette aus mehreren Gliedern. Es beginnt bei der Kamera, die über einen schnellen Anschluss (idealerweise USB-C oder Thunderbolt) verfügen muss. Das verwendete Kabel muss von höchster Qualität und idealerweise nicht länger als unbedingt nötig sein, um Signalverluste zu vermeiden. Der Computer selbst muss mit einem leistungsstarken Prozessor, reichlich RAM und einer schnellen SSD-Festplatte ausgestattet sein, um die ankommenden Daten ohne Verzögerung verarbeiten und anzeigen zu können.
Die Software spielt eine ebenso entscheidende Rolle. Programme wie Capture One Pro gelten als Goldstandard für das Tethering im professionellen Umfeld, da sie für die Verarbeitung grosser RAW-Dateien optimiert sind und einen stabilen, schnellen Betrieb gewährleisten. Ein DIT (Digital Imaging Technician) am Set stellt sicher, dass dieser Workflow reibungslos funktioniert. Wie ein Praxistest zeigt, können fortgeschrittene Techniken wie das direkte Schreiben auf eine extern via USB angeschlossene SSD die internen Puffer der Kamera und Geschwindigkeitsbegrenzungen von Speicherkarten vollständig umgehen. Bei langen Shootings wird zudem die Stromversorgung und Kühlung der Kamera, beispielsweise durch einen externen Lüfter wie den Fujifilm FAN-001, zu einem entscheidenden Faktor, um Überhitzung und Leistungsabfall zu verhindern. Nur wenn jedes Glied dieser Kette perfekt aufeinander abgestimmt ist, ist ein flüssiger High-End-Workflow garantiert.
Wie schärft man bilder für den druck auf mattem papier, ohne artefakte zu erzeugen?
Der finale Print ist der ultimative „Moment der Wahrheit“ für jede Fotografie. Besonders auf ungestrichenen, matten Fine-Art-Papieren zeigt sich die wahre Qualität einer Aufnahme. Diese Papiere neigen dazu, Tinte aufzusaugen (ein Phänomen, das als „Punktzuwachs“ oder „Dot Gain“ bekannt ist), was zu einem leichten Weichzeichnungseffekt führt. Eine unsachgemässe Schärfung, um dies zu kompensieren, erzeugt schnell unschöne Artefakte wie helle Säume an Kontrastkanten oder eine unnatürlich „krispelige“ Textur. Um dies zu vermeiden, bedarf es eines mehrstufigen und hochspezifischen Schärfungsprozesses, der weit über den einfachen „Schärfen“-Regler in Lightroom hinausgeht.
Ein professioneller Workflow unterteilt die Schärfung in drei Phasen: Capture Sharpening, Creative Sharpening und Output Sharpening. Zuerst wird die RAW-Datei dezent grundgeschärft, um die durch den Sensor und das Objektiv bedingte Weichheit auszugleichen. Danach werden kreativ wichtige Bildelemente wie Augen oder Texturen selektiv über Masken geschärft. Die letzte und entscheidende Phase ist die Ausgabeschärfung, die spezifisch für das Druckmedium (Papier und Drucker) angepasst wird. Für mattes Papier muss deutlich stärker geschärft werden als für glänzendes Papier, um den Punktzuwachs zu kompensieren.
Ein Test mit verschiedenen Mittelformatkameras unterstreicht diese Beobachtung:
Bei unserem Test mit 50 Metern Fotopapier stellten wir fest, dass die Unterschiede zwischen den Mittelformatkameras vor allem im Print auf mattem Papier sichtbar wurden. Die feineren Tonwertabstufungen und der erweiterte Dynamikumfang kommen besonders auf hochwertigen Fine-Art-Papieren wie Hahnemühle Photo Rag zur Geltung.
– Praxistest mit Fine-Art-Papieren, fotointern.ch
Die überlegene Datenqualität von Mittelformatdateien spielt hier ihre Stärken voll aus, da sie aggressive Schärfungsprozesse ohne sichtbare Artefakte toleriert. Ein entscheidender technischer Trick ist dabei, die Schärfung ausschliesslich auf den Luminanzkanal (Helligkeit) anzuwenden, um Farbsäume von vornherein zu vermeiden.
Ihr Plan für die perfekte Druckschärfe auf mattem Papier
- Capture Sharpening: Führen Sie eine Grundschärfung der RAW-Datei mit zurückhaltenden Werten durch (z.B. Radius 0.3-0.5), um die systembedingte Weichheit zu korrigieren.
- Creative Sharpening: Schärfen Sie selektiv nur die Bildelemente, die im Fokus stehen sollen (z.B. Augen, Produktlogos), mithilfe von präzisen Ebenenmasken in Photoshop.
- Output Sharpening: Wenden Sie eine finale, ausgabespezifische Schärfung an. Für mattes Papier sollte diese 20-30% stärker ausfallen als für glänzendes Papier.
- Luminanz-Schärfung: Stellen Sie sicher, dass der Schärfungsalgorithmus nur auf den Helligkeitskanal angewendet wird, um das Entstehen von Farbsäumen zu unterbinden.
- Punktzuwachs kompensieren: Erhöhen Sie die Schärfungswerte um den erwarteten Dot-Gain-Faktor des Papiers (typischerweise 15-20%), um die Weichzeichnung im Druck auszugleichen.
Wie modelliert man gesichtsformen nur durch aufhellen und abdunkeln neu?
In der High-End-Beauty- und Porträtfotografie ist die Formgebung des Gesichts eine der anspruchsvollsten Aufgaben der Retusche. Es geht nicht darum, Hautunreinheiten zu entfernen, sondern darum, die Wangenknochen subtil zu betonen, die Kieferpartie zu definieren oder die Nasenform leicht zu korrigieren – und das alles, ohne dass der Eingriff sichtbar wird. Die Technik der Wahl dafür ist „Dodge and Burn“, ein gezieltes, malerisches Aufhellen und Abdunkeln von Bildbereichen. Diese Methode erfordert jedoch eine immense Datenqualität, um natürliche und übergangslose Ergebnisse zu erzielen. Hier kommt die 16-Bit-Farbtiefe von Mittelformat-RAW-Dateien ins Spiel.
Während eine 8-Bit-Datei (wie ein JPEG) nur 256 Helligkeitsstufen pro Farbkanal kennt, bietet eine 16-Bit-Datei bis zu 65.536 Stufen. Das bedeutet eine exponentiell höhere Dichte an Tonwertinformationen. Wenn ein Retuscheur nun mit Dodge and Burn intensive Helligkeitskorrekturen vornimmt, kann eine 8-Bit- oder selbst eine 14-Bit-Datei an ihre Grenzen stossen und „Banding“ erzeugen – sichtbare, streifenförmige Abstufungen in sanften Verläufen wie dem Himmel oder eben auf der Haut. Eine 16-Bit-Datei hingegen behält selbst bei extremen Eingriffen ihre weichen, perfekten Übergänge. Die Hasselblad H6D bietet beispielsweise mit ihrer 16-Bit-Farbtiefe und bis zu 14 Blendenstufen Dynamikumfang die ideale Grundlage für solche anspruchsvollen Aufgaben.
Ein professioneller Workflow kombiniert Dodge and Burn oft mit der Technik der Frequenztrennung. Dabei wird das Bild in eine Ebene mit den groben Formen und Farben (Low Frequency) und eine Ebene mit der feinen Textur (High Frequency) aufgeteilt. Der Retuscheur kann nun auf der Low-Frequency-Ebene die Gesichtsform durch Aufhellen und Abdunkeln modellieren, ohne die Poren und feinen Härchen auf der High-Frequency-Ebene zu beeinträchtigen. Die überlegene Datenintegrität einer Mittelformatdatei ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass diese Trennung sauber funktioniert und die Ebenen am Ende wieder nahtlos zu einem hyperrealistischen und doch makellosen Ergebnis verschmelzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Effizienz durch Dynamikumfang: Der enorme Dynamikumfang von Mittelformatsensoren reduziert den Aufwand für Belichtungsreihen und komplexe Retuschen bei kontrastreichen Motiven drastisch.
- Kompromisslose Datenqualität: 16-Bit-RAW-Dateien bieten die nötige Tonwertdichte für aggressive Post-Production-Techniken wie Dodge & Burn, ohne an Qualität zu verlieren.
- Beherrschung der Physik: Um die maximale Schärfe zu erzielen, ist die bewusste Kontrolle von Faktoren wie Mikrovibrationen (Shutter Shock) und extrem geringer Schärfentiefe (Focus Stacking) unerlässlich.
Wie beeinflusst die abbrennzeit (t0.1) die schärfe bei springenden models?
Wenn in der Werbefotografie Bewegung eingefroren werden soll – sei es ein springendes Model, ein tanzender Athlet oder spritzendes Wasser –, verlässt man sich nicht auf eine kurze Verschlusszeit der Kamera. Die Schärfe der Bewegung wird einzig und allein durch die extrem kurze Dauer des Blitzlichts bestimmt. Hierbei ist jedoch eine entscheidende technische Unterscheidung zu treffen: die Angabe t0.5, die oft in den Spezifikationen von Blitzen zu finden ist, ist irreführend. Sie beschreibt nur die Zeit, in der der Blitz 50 % seiner Leistung abgibt. Für das vollständige Einfrieren von Bewegung ist allein die t0.1-Zeit relevant – die Dauer, bis der Blitz auf 10 % seiner Leistung abgefallen ist.
Professionelle Studioblitze erreichen bei reduzierter Leistung extrem kurze Abbrennzeiten von bis zu 1/10.000s oder kürzer. Um trotz der niedrigen Einzelleistung genug Licht für eine korrekte Belichtung zu haben, werden oft mehrere Blitzköpfe kombiniert. Der limitierende Faktor ist hier jedoch oft die Blitzsynchronzeit der Kamera, die bei Schlitzverschlüssen (typisch für DSLR/DSLM) meist bei 1/250s liegt. Bei hellem Umgebungslicht reicht diese kurze Verschlusszeit nicht aus, um das Tageslicht komplett auszublenden, was zu Bewegungsunschärfe durch das Umgebungslicht führt.
Hier bieten Mittelformatsysteme mit Zentralverschluss im Objektiv einen entscheidenden, physikalischen Vorteil, wie Dr. J. Schuhmacher hervorhebt:
Die Fähigkeit von Mittelformat-Zentralverschlüssen, bei bis zu 1/1600s zu synchronisieren, ermöglicht es, auch bei hellem Tageslicht das Umgebungslicht komplett auszublenden und ausschliesslich mit der kurzen Blitz-Abbrennzeit die Bewegung einzufrieren.
– Dr. J. Schuhmacher, Mittelformat-Kameras Guide
Diese Fähigkeit gibt dem Fotografen die kompromisslose Kontrolle über das Licht. Er kann die Blende für die gewünschte Schärfentiefe wählen und die Verschlusszeit so kurz einstellen, dass das Umgebungslicht irrelevant wird. Die Bewegung wird dann ausschliesslich durch die ultrakurze Abbrennzeit des Blitzes „eingefroren“ – mit einer Schärfe und Klarheit, die mit einem Schlitzverschluss-System unter diesen Bedingungen unerreichbar wäre. Die Kontrolle über die t0.1-Zeit ist somit der Schlüssel zu dynamischen, gestochen scharfen Action-Aufnahmen auf höchstem Niveau.
Die Entscheidung für das Mittelformat ist somit weit mehr als ein Streben nach höherer Auflösung. Es ist die bewusste Entscheidung für einen Workflow, der auf maximale Kontrolle, Effizienz und die Eliminierung technischer Kompromisse ausgelegt ist. Der nächste logische Schritt besteht darin, den eigenen Produktionsprozess zu analysieren und zu identifizieren, wo diese überlegenen technischen Fähigkeiten den grössten wirtschaftlichen und kreativen Mehrwert liefern können.